Wie hat sich die Pandemie ausgewirkt?

Covid-19 in Südtirol – breit angelegte Studie startet

Mittwoch, 01. Juli 2020 | 17:00 Uhr

Von: mk

Bozen – Der Südtiroler Sanitätsbetrieb, der Psychologische Dienst des Gesundheitsbezirkes Brixen, das Institut für Allgemeinmedizin an der Claudiana, Eurac Research sowie ASTAT erforschen in einer gemeinsamen Studie, die von der Operativen Einheit klinische Führung der Abteilung Gesundheit koordiniert wird, die Auswirkungen des neuartigen Coronavirus in Südtirol.

Innerhalb der Studie „Covid-19 in Südtirol“ soll zum einen der Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung flächendeckend und repräsentativ erhoben werden. Zum anderen soll die langfristige Erforschung der Erkrankung und ihrer Mechanismen geklärt werden. Und schließlich sollen anhand einer psychologischen Befragung die Verhaltensgewohnheiten und Belastungen in Zusammenhang mit COVID-19 ermittelt werden.
Diese drei Untersuchungsstränge der Studie „Covid-19 in Südtirol“ wurden heute auf einer Pressekonferenz ausführlich vorgestellt.

Landesweite epidemiologische Studie

Die Zahl der Neuinfektionen ist in Südtirol zurzeit sehr niedrig. Gerade in dieser Phase ist es wichtig, ein eventuelles Auftreten einer zweiten Infektionswelle möglichst früh kommen zu sehen und eventuelle Hotspots frühzeitig zu erkennen.

Dabei kommt der Feststellung des aktuellen Ist-Zustandes eine wichtige Rolle zu. Mit Hilfe einer repräsentativen Stichprobe sollen epidemiologischen Informationen gesammelt werden, die dann als Basis für zukünftige sozio-politische Entscheidungen dienen können. Diese Informationen sollen anhand einer landesweiten epidemiologischen Studie gesammelt werden, die vom Südtiroler Sanitätsbetrieb, dem Institut für Allgemeinmedizin und ASTAT betreut und von der Operativen Einheit klinische Führung der Abteilung Gesundheit die Studie koordiniert wird.

Neben der landesweiten Erhebung werden einigen Südtiroler „Hotspot-Gemeinden“ besonders untersucht. Die Ergebnisse sowie der Vergleich zwischen diesen und anderen Gemeinden sollen epidemiologische Informationen über den Durchseuchungsgrad einer „Hotspot-Region“ im Vergleich zur gesamten Provinz liefern und Hinweise erbringen, welche Faktoren die höhere Durchseuchung im betreffenden Gebiet begünstigt haben.

Ablauf

In der gesamten Provinz Bozen wird eine Querschnittsanalyse von unabhängigen, repräsentativen Stichproben durchgeführt, die mit Hilfe des Landesstatistikinstitut ASTAT per Zufallsprinzip gezogen wurde. Die Stichprobengröße beträgt 3.657 Personen. In den Gemeinden Eppan, Kastelruth (hohe Infektionsrate) und Völs (niedrige Infektionsrate) werden nach denselben Kriterien zusätzliche Stichprobe untersucht. Insgesamt umfasst diese zusätzliche Kohorte eine Fallzahl von weiteren 1762 Probanden (Eppan: 1.037, Kastelruth: 477, Völs: 248).

Die Rekrutierung erfolgt per Post (Brief). Die ausgewählten Probanden erhalten ein Einladungsschreiben sowie ein Informationsblatt. Die Koordinierung und Durchführung der Tests obliegt der Abteilung für wohnortnahe Versorgung des Südtiroler Sanitätsbetriebes sowie der Pflegedirektion des Südtiroler Sanitätsbetriebes. Bei den Probanden und Probandinnen wird ein Nasen-Rachen-Abstrich (PCR-Test) durchgeführt und Blut zur quantitativen Messung von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern abgenommen.

Zielsetzung

Mit Hilfe dieser Teilstudie soll der Verlauf der Pandemie in Südtirol nachvollzogen und abgebildet werden. Ziel dieses Studienteils ist es, den Infektions- und Immunitätsstatus, die klinischen Merkmale der COVID-19-Infektion und die möglichen Risikofaktoren in Südtirol zu erfassen und festzustellen.

Die CHRIS Covid-19-Studie im Vinschgau – Hintergrund und Fragestellung

Wie viele Menschen im Vinschgau sind in Kontakt mit dem Corona-Virus gekommen? Laut Experten gibt es eine hohe Anzahl von asymptomatischen Infizierten in der Bevölkerung. Das bedeutet, dass es neben den diagnostizierten Covid-19-Fällen noch viel mehr Menschen geben könnte, die sich möglicherweise infiziert haben, ohne es zu merken. Warum sind dennoch im Vergleich zu den anderen Bezirken Südtirols im Vinschgau außergewöhnlich wenige Fälle gemeldet worden? Viele Fragen rund um das neuartige Corona-Virus sind noch offen. Unter welchen Bedingungen Menschen anfälliger für eine Erkrankung sind, wie sich das Virus innerhalb einer Familie überträgt, wie schnell sich Menschen neu infizieren, wie lange man nach einer durchgemachten Erkrankung immun ist und wie sich die Krankheit langfristig auf den Gesundheitszustand auswirkt, will die CHRIS Covid-19-Studie im Vinschgau langfristig untersuchen.

Die Studie wird von Eurac Research in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Sanitätsbetrieb durchgeführt und greift auf die seit zehn Jahren bestehende CHRIS-Studie im Vinschgau zurück, an der mit 13.393 Personen ein Drittel aller Einwohner des Mittleren und Oberen Vinschgaus teilnehmen. Die CHRIS- Teilnehmer haben bereits viele entscheidende Daten zur Gesundheitsforschung beigesteuert: zum Lebensstil, zum Gesundheitszustand des Herzkreislauf-, des Nerven- und des Stoffwechselsystems. Blut- und Urinproben der Teilnehmer sind samt DNA-Proben in der eigens eingerichteten Biobank von Eurac Research in den Krankenhäusern von Bozen und Meran gelagert und damit auch für spätere Forschungsvorhaben noch zugänglich. „Für uns Forscher ist es ein außerordentlicher Glücksfall, dass wir dank der Teilnahme der Vinschgauer Bevölkerung auf diese wertvolle Ressource der CHRIS-Studie zurückgreifen und sie mit den neuen Daten aus der CHRIS Covid-19-Studie zusammenfügen können“, unterstreicht Peter Pramstaller, Leiter des Instituts für Biomedizin von Eurac Research. „Wir hoffen, dass wir auch in der CHRIS Covid-19-Studie wieder auf das Engagement der Vinschgauer zählen können. Dann wird es uns möglich sein, fundamentale Erkenntnisse zur Entwicklung der Erkrankung zu gewinnen.“

Ablauf der Studie

Ab Mitte Juli 2020 werden alle 13.393 Teilnehmer der CHRIS-Studie und alle Personen, die mit ihnen zusammenwohnen, zur CHRIS Covid-19-Studie eingeladen, die aus drei Teilen besteht: 1.815 der CHRIS-Teilnehmer – per Zufallsprinzip und unabhängig vom Auftreten möglicher Krankheitssymptome ausgewählt – werden mittels persönlichen Briefs dazu eingeladen, einen serologischen Test (Bluttest zum Nachweis von Antikörpern) und einen Nasen-Rachen-Abstrich (zum Nachweis des Virus) vorzunehmen. Die Tests werden vom Südtiroler Sanitätsbetrieb durchgeführt. Zusätzlich ist ein Fragebogen zum Gesundheitszustand online auszufüllen. Mit dieser so genannten Prävalenzstudie können die Forscher abschätzen, wie viele Menschen bisher mit dem Virus infiziert worden sind.

Alle 13.393 CHRIS-Teilnehmer und alle Personen (auch Minderjährige), die mit ihnen zusammenwohnen (rund 19.000 Menschen), werden ab Mitte Juli dazu eingeladen, online einen Fragebogen zu Symptomen auszufüllen. Die Teilnehmer, deren Angaben auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung hinweisen, und ihre Familienmitglieder bzw. alle, die mit ihnen zusammenwohnen, werden dazu eingeladen, einen serologischen Test und einen Nasen-Rachen-Abstrich durchzuführen. Alle Personen, die ein negatives Profil haben (keine Symptome laut Fragebogen, die auf Covid-19 hinweisen oder negative Testbefunde), werden dazu eingeladen, für ein Jahr lang alle vier Wochen den Fragebogen auszufüllen, um das Auftreten neuer Symptome zu überprüfen.

Nachverfolgung – „Follow-up“ der positiv getesteten Fälle: Um überprüfen zu können, wie lange eine Immunität besteht, werden alle Teilnehmer mit einem positiven Befund aus den beiden vorhergehenden Phasen der Studie gebeten, für ein Jahr lang alle drei Monate den serologischen Test zum Nachweis von Antikörpern zu wiederholen. Das ist wichtig, um zu verstehen, ob man nach einer Infektion wieder an Covid-19 erkranken kann und wie sich die Immunreaktionswerte im Laufe der Zeit entwickeln.

Durch die Studie haben alle Teilnehmer kostenlos die Möglichkeit, Klarheit über den eigenen Gesundheitszustand hinsichtlich Covid-19 zu gewinnen. Darüber hinaus leisten sie einen entscheidenden Beitrag für die allgemeine Bevölkerung, indem sie wertvolle Daten zur Covid-19-Forschung beisteuern.

Bedeutung der Studie

Um die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen, haben viele Länder restriktive Maßnahmen bis hin zum Lockdown getroffen. Solche Maßnahmen sind weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich auf lange Sicht tragbar und umsetzbar. Eine Bevölkerungsstudie wie die CHRIS Covid-19-Studie kann viele wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Verhalten des Virus liefern. Sie ist ein wichtiges Instrument für Politiker und Entscheidungsträger und kann ihnen als Orientierung für Maßnahmen im Gesundheitswesen und im öffentlichen Bereich dienen.

Psychologische Studie

Anhand eines Fragebogens werden Verhaltensgewohnheiten und Belastungsfaktoren in Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie abgefragt. Dabei sollen demographische Variablen, Verhaltensmuster und Interessen erhoben werden, die möglicherweise das Infektionsrisiko erhöhen – etwa Fragen zur Arbeitstätigkeit oder zu Interessen an Großveranstaltungen. Außerdem sollen emotionale Risikofaktoren erfasst werden, die das Immunsystem negativ beeinflussen können, wie Stress, Einsamkeitsgefühl und emotionale Belastung. Dazu wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Link zugeschickt, über den der digitale Fragebogen erreicht werden kann. Der Fragebogen liegt aber auch in Papierform auf und kann direkt vor Ort ausgefüllt werden. Alle dabei erhobenen Daten werden anonymisiert.

Ziel dieses Strangs der Studie ist es, die Übertragungswege des Virus besser zu erkennen und damit gezielter präventiv tätig werden zu können, sowie festzustellen, inwieweit das Infektions- und Erkrankungsrisiko auch von emotionalen Belastungen – wie etwa Stress – abhängt. Betreut wird dieser Teil der Studie vom Psychologischen Dienst des Gesundheitsbezirkes Brixen.

Florian Zerzer, Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes meint: „Die Studie „Covid-19 in Südtirol“ ist breit angesetzt und ist die erste Studie, die alle Gemeinden Südtirols einbezieht, deshalb sehr besonders. Die Zusammenarbeit hochkarätiger Forschungsinstitution in Südtirol ist ein großer Mehrwert, auf den wir stolz sein können. Die Ergebnisse werden wohl nicht nur in Südtiroler Wissenschaftskreisen Beachtung finden. Außerdem sind diese Resultate dann eine solide Informationsbasis, aufgrund der wir weitere Entscheidungen und Präventionsmaßnahmen definieren können.“

Thomas Widmann, Landesrat für Gesundheit, erklärt: „Die Durchführung von Tests ist eine wesentliche Maßnahme im Umgang mit der Pandemie. Eine breite Teststrategie ist Garant für ein breites Wissen über die Wirkungsweise des Virus. Mit dieser gemeinschaftlichen Forschungsstudie erreichen wir genau dieses Ziel.“

Bezirk: Bozen