Von: mk
Bozen – Der Präsident der österreichischen Psychiatriegesellschaft, Prof. Martin Aigner, war genauso gekommen, wie der bekannte Wissenschaftler Prof. Josef Marksteiner aus Hall. Vom 21. bis zum 23. März führte ein Kongress in Obernberg in Tirol Experten aus Finnland, wo die Gleichstromhaube seit Jahren mit guten Ergebnissen bei Depressionen und bestimmten Schmerzzuständen erprobt wird, und österreichische Psychiater, Neurologen und Psychologen zusammen. Dabei waren auch Delegationen der Psychiatrien Bruneck und Brixen und der St. Annaklinik in Meran.
Wie Anne Panhelainen und Micha Nikander aus Finnland wissenschaftlich fundiert erläuterten, wird seit einigen Jahren erfolgreich erprobt, dass extrem geringer elektrischer Gleichstrom von zwei Milliampere, der von einer Elektrode am linken Stirnhirn zu einer Elektrode am rechten Stirnhirn fließt, eine Zone des Gehirns, die dorsolateraler präfrontaler Cortex heißt, in günstiger Weise beeinflusst. Der Stromfluss bewirkt vermehrte Tätigkeit im linken Bereich, der seinerseits den rechten dämpft. Und im rechten dorsolateralen präfrontalen Bereich werden die ungünstigen Einflüsse, die für den Betroffenen selbst Bedeutung haben, gewissermaßen gesammelt.
Diese Zone ist bei Depressionen hoch aktiv und muss beruhigt werden. Das gelingt mit elektrischer Beeinflussung sehr elegant, indem man die Querverbindungen der beiden Hirnhälften nutzt. Der elektrische Strom dringt zu 45 Prozent ins Gehirngewebe ein und ist so schwach, dass er Nervenzellen nicht zum Entladen bringt, aber ihre Bereitschaft, sich zu entladen, günstig beeinflusst.
Übererregte Zonen werden durch den Stromfluss beruhigt, wenig aktive Bereiche hingegen angeregt. Dadurch entsteht nachhaltig eine ausgeglichene elektrische und in der Folge auch chemische Aktivität des Gehirns. Vor allem werden Nervenwachstumsfaktoren vermehrt, die zur Erholung des Gehirngewebes und zum Sprießen seiner Verbindungen beitragen – ganz besonders bei Depressionen und bei chronischen Schmerzzuständen.
Die Methode ist im Gegensatz zu Medikamenten unabhängig vom Blutfluss, kann also auch bei sehr alten Menschen, die an einer Verengung der Gehirngefäße leiden, angewandt werden. Sie verstärkt die Wirkung antidepressiver Medikamente, kann aber auch, zum Beispiel bei schwangeren oder stillenden Frauen, die depressiv sind und auf Medikamente verzichten wollen, erfolgreich sein.
Das Verfahren wird so angewandt, dass Patienten eine Haube aufsetzen, die an den richtigen Stellen zwei Elektroden aus einem Gel besitzen. Eine Batterie speist die beiden Elektroden so mit geringstem Strom, dass ein praktisch unmerklicher Fluss durch das Gehirn entsteht, der 30 Minuten täglich für mindestens 20 Tage erfolgen soll, um Erfolg zu haben. Die Behandlung kann dann immer seltener auch über Monate fortgesetzt werden. Der Patient ist dabei wach und soll sich geistig aktiv verhalten, also zum Beispiel an der Ergotherapie teilnehmen, lesen, Kreuzworträtsel lösen oder im Internet navigieren. Die Behandlung ist schmerzfrei. Einige wenige Patienten spüren ein feines Kitzeln an den Eintrittsstellen des Stromes. Auch Träger von Herzschrittmachern können mit den soeben auf den Markt gekommenen neuen Geräten behandelt werden.
Eine große wissenschaftliche Übersichtsstudie ergibt, dass auf diese Weise bei depressiv Erkrankten in 20 Prozent eine Heilung und in zusätzlichen 50 Prozent eine Besserung erreicht werden kann. “Wem diese Zahlen gering vorkommen, der kann sie mit der Wirkung von Antidepressiva vergleichen, die nach eventuellem Wechsel des Medikaments und in Kombination von zwei Substanzen auch maximal 70 Prozent Besserung oder Heilung erreichen”, erklärt Roger Pycha, Primar an der Psychiatrie in Brixen.
In der Claudiana Bozen wird vom 2. bis zum 4. April die Deutsche Gesellschaft für Hirnstimulation mehrere Neurostimulationsverfahren theoretisch diskutieren. Diese Zukunft hat an der Psychiatrie Brixen bereits begonnen: Sie bietet seit einem Jahr die Gleichstromhaube, oder, wie das Verfahren wissenschaftlich heißt, die transkranielle Gleichstromstimulation (trancranial direct current stimulation, t DCS) an. Beim Kongress hat Primar Markus Huber von der Psychiatrie Bruneck erklärt, dass diese Woche der erste Brunecker Patient so behandelt wird. Und auch die St. Annaklinik in Meran hat bereits mehrere Behandlungen geplant.
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