Impfchance nutzen – ein Kommentar

Bei den Sanitätsangestellten leider Schlusslicht

Donnerstag, 14. Januar 2021 | 14:04 Uhr

Von: ka

Bozen – Ob höchste Lebensqualität oder geringste Arbeitslosigkeit, Südtirol ist es gewohnt, in Italien der Klassenprimus zu sein. Umso böser ist das Erwachen, dass Südtirol – obwohl gemessen an der Gesamtbevölkerung inzwischen italienischer Impfspitzenreiter – bei der Impfung der Sanitätsangestellten im Stiefelstaat Schlusslicht ist. Mit Erstaunen registrieren die Italiener, dass rund die Hälfte der Angestellten des Gesundheitswesens der nördlichsten Provinz nichts mehr fürchten, als den Piecks mit dem Corona-Impfstoff.

ANSA/GIUSEPPE LAMI

Aber die Mitarbeiter der Krankenhäuser und Altersheime sind nur ein Spiegelbild der Südtiroler Gesellschaft. In Südtirol, das als Hochburg der Impfgegner gilt, tun sich die Verantwortlichen oft schwer, die Bürger für die Impfung gegen das Coronavirus zu gewinnen. Dies ist umso mehr unverständlich, als dass nach fast einem Jahr immer wiederkehrender Lockdowns und Corona-Einschränkungen aller Art sowie dahinschmelzender Einkommen und gescheiterter Lebensentwürfe die Südtiroler eigentlich froh darum sein müssten, nach der einzigen, Hoffnung verheißenden Lösung – der Impfung gegen SARS-CoV-2 – zu greifen. Es ist wenig verwunderlich, dass angesichts der verbreiteten heimischen „Impfskepsis“ immer mehr Stimmen, die eine Pflichtimpfung oder größere Freiheiten für Geimpfte fordern, die Oberhand gewinnen.

ANSA/LUCA ZENNARO

Die allermeisten Einwohner vieler italienischer Regionen, aber auch anderer Länder – allen voran Israel – haben diese Chance längst als solche erkannt und ergriffen. Israel plant, bereits im späten Frühjahr die Herdenimmunität zu erreichen und anschließend sukzessive zum normalen Leben zurückzukehren.

Davon kann Südtirol nur träumen. Wenn es gelänge, den italienischen Impfplan einzuhalten – Italien steht auf europäischer Ebene recht gut da – könnte dieses Ziel aber im Herbst erreicht werden. Die Frage aber ist, ob die Südtiroler verstehen werden, dass nach dem weitgehenden Scheitern aller bisherigen Lösungsansätze die Impfung die einzig verbliebene Chance ist, das Landl aus dem Sumpf der Covid-19-Notlage und seiner Folgen herauszuziehen.

APA/dpa/Sebastian Gollnow

Machen wir uns nichts vor. Hält die Corona-Notlage an, wird die Wirtschaftskrise eine „verlorene Generation“ schaffen. Es ist dann nicht auszuschließen, dass um ihre Zukunftschancen und Lebensträume gebrachte Entwurzelte und Verzweifelte zu einer Gefahr für Freiheit und Demokratie werden. Die Ursachen sind verschieden und Amerika ist weit weg, aber die Bilder von wütenden Demonstranten und Gewalttätern, die ein Parlament stürmen, sollten uns schon zu denken geben.

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Bezirk: Bozen