Von: apa
Bei einer weltweiten Razzia gegen ein Netzwerk, das sich mit Missbrauchsdarstellungen von Kindern beschäftigte, sind 79 Verdächtige festgenommen und knapp 1.400 mutmaßliche Täter identifiziert worden. Das teilte das Bundeskriminalamt (BK) am Mittwoch in Wien mit. Demnach gab es in Österreich elf Hausdurchsuchungen mit der Festnahme eines Verdächtigen, nicht zuletzt wegen dessen krimineller Vorgeschichte.
Bei dem “Kidflix” genannten Netzwerk handle es sich um eine der größten Pädophilen-Plattformen der Welt, so das BK. Die sogenannte Operation Stream gegen dieses Netzwerk startete 2021. Die bayrische Kriminalpolizei – das Landeskriminalamt – und die Zentralstelle zur Bekämpfung der Cyberkriminalität in Bayern leiteten die Ermittlungen, die von Europol in Den Haag unterstützt und international koordiniert wurden. Weltweit nahmen 35 Länder an der Operation teil, darunter eben auch Österreich.
Server am 11. März beschlagnahmt
Am 11. März schlugen deutsche und niederländische Ermittler zu und beschlagnahmten den Server, auf dem zu diesem Zeitpunkt rund 72.000 Videos zu sehen waren. Seit April 2022 bis März 2025 hatten sich weltweit rund 1,8 Millionen User auf der Plattform eingeloggt. Einige der Verdächtigen luden nicht nur Videos hoch, sondern missbrauchten selbst Kinder. Die Ermittlungen seien nicht abgeschlossen.
Die Durchsuchungen und Festnahmen wurden in zwei Aktionswochen vom 10. bis zum 23. März durchgeführt. Daneben wurden mehr als 3.000 elektronische Geräte beschlagnahmt und 39 Kinder geschützt.
Cyberkrimineller als Gründer von “Kidflix”
Ein Cyberkrimineller war es laut BK, der “Kidflix” 2021 gründete und damit enorme Gewinne erzielte. Die Plattform sei schnell zu einer der beliebtesten unter den Pädophilen geworden. Behörden zufolge wurden während der aktiven Laufzeit der Plattform 91.000 Videos hochgeladen und geteilt, die eine Gesamtlaufzeit von 6.288 Stunden aufweisen. Durchschnittlich wurden etwa 3,5 neue Videos pro Stunde auf die Plattform hochgeladen. Viele davon waren den Strafverfolgungsbehörden vor Beginn der Ermittlungen nicht bekannt, teilte das Bundeskriminalamt mit.
Im Gegensatz zu anderen bekannten Plattformen dieser Art habe “Kidflix” seinen Nutzern den Download von child sexual abuse material (CSAM; Material von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger, Anm.), aber auch das Streamen dieser Videodateien ermöglicht. Diese zahlten mittels Kryptowährungen, die anschließend in Token umgewandelt wurden. Durch das Hochladen von CSAM, die Überprüfung von Videotiteln und Videobeschreibungen sowie der Kategorisierung von Videos konnten die Kriminellen Token erhalten, mit denen sie die Inhalte ansehen konnten. Jedes Video wurde in mehreren Versionen hochgeladen. Auf diese Weise konnten Nutzerinnen und Nutzer eine Vorschau ansehen und alles darüber hinaus gegen Gebühr freischalten – in niedriger, mittlerer oder hoher Qualität.
Aktionen in Österreich in sechs Bundesländern
In Österreich gab es elf Hausdurchsuchungen und die Festnahme eines Verdächtigen, der aufgrund seiner einschlägigen Vorstrafe festgenommen wurde, so das BK. Opfer wurden hierzulande nicht identifiziert. Das Referat “Sexualstraftaten und Kindesmissbrauch online” des Bundeskriminalamtes übernahm die Organisation und die Aufbereitung der Beweismittel. Die weiteren polizeilichen Maßnahmen übernahmen die Landeskriminalämter Niederösterreich, Steiermark, Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Wien.
Für Europol war Operation Stream die größte Operation, an der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der europäischen Polizeiorganisation teilgenommen haben. Gleichzeitig war die Operation einer der größten Fälle, die die Strafverfolgungsbehörde in den vergangenen Jahren unterstützt habe. Im Zuge der Ermittlungen analysierten Europol-Expertinnen und -Experten des Europäischen Zentrums für Cyberkriminalität (EC3) Tausende Videodateien. Sie führten außerdem einen umfassenden Abgleich aller verfügbaren Daten durch und übermittelten das Beweismaterial an die betroffenen Länder.
Meist Wiederholungstäter
Die sexuelle Ausbeutung von Kindern (Child sexual exploitation CSE, Anm.) wird im kürzlich veröffentlichten Bericht zur Bewertung der Bedrohungslage im Bereich der schweren organisierten Kriminalität (Serious Organized Crime Threat Assessment Report, kurz SCOTA) als eine der größten Bedrohungen für die Sicherheit der EU genannt. Die digitale Transformation habe eine rasante Entwicklung der Online-CSE ausgelöst und biete Kriminellen eine grenzenlose Plattform, um Opfer zu kontaktieren, zu manipulieren sowie CSAM zu produzieren, zu speichern und auszutauschen.
Die meisten identifizierten Verdächtigen, die im Rahmen der Operation Stream identifiziert wurden, stimmten mit den Datenbanken von Europol überein. Die meisten Kriminellen, die an sexueller Kindesausbeutung beteiligt sind, begehen diese Straftaten wiederholt und sind den Strafverfolgungsbehörden nicht unbekannt, hieß es bei der europäischen Polizeiorganisation.
Auf Ersuchen von EU-Mitgliedsstaaten und anderen Partnern, veranstaltet Europol zweimal jährlich eine Taskforce zur Opferidentifizierung. Diese Initiative bringt Strafverfolgungsbehörden zusammen, um gemeinsam Ermittlungen lokalisieren zu können und Opfer zu identifizieren. Daraufhin konnten Kinder in Deutschland und Australien geschützt werden.
EU-Kommissar Brunner: Zerschlagung zeigt Mehrwert durch EU-Agenturen
An der Operation Stream nahmen neben Österreich Albanien, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, England, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Island, Irland, Italien, Kolumbien, Kanada, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Serbien, Slowakei, Spanien, Schweden, Schweiz, Tschechien, Ungarn und die USA teil.
“Die Zerschlagung dieses kriminellen Netzwerks zeigt, welchen Mehrwert EU-Agenturen wie Europol bringen. Genau deshalb hat die Europäische Kommission eine Strategie für mehr Sicherheit in Europa vorgelegt. Die Kriminellen arbeiten grenzüberschreitend, deshalb müssen wir auch Ermittler dabei unterstützen”, erklärte Magnus Brunner (ÖVP), EU-Kommissar für Migration und Inneres, in einem Statement zur APA. Die von der EU-Kommission am Dienstag präsentierte “ProtectEU”-Strategie sieht unter anderem eine engere Zusammenarbeit der EU-Staaten und EU-Agenturen wie Europol, Frontex oder Eurojust vor.
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