Von: Ivd
Bozen – Die Lawinensituation in Südtirol bleibt angespannt: Nach den jüngsten Schneefällen und starkem Wind in höheren Lagen wurden mehrere Lawinenabgänge registriert. Zwei Unfälle, einer am Flimjoch im Ultental und ein weiterer am Inneren Nockenkopf in Rojen, zeigen, dass die Gefahr in alpinem Gelände weiterhin nicht zu unterschätzen ist.
Neuschnee und stürmischer Wind: Die Ausgangslage
Am vergangenen Wochenende brachte eine zunächst östliche, dann auf Nord drehende Wetterströmung besonders am Ortler-Massiv sowie in Teilen des Alpenhauptkamms frischen Neuschnee. An einigen Messstationen wurden bis zu 40 Centimeter Neuschnee verzeichnet, darunter auch an der Station Madritsch in Sulden auf 2825 Meter Höhe. Begleitet wurden die Schneefälle von starkem bis stürmischem Wind aus nördlichen Richtungen, was zur Bildung von Triebschnee führte, einer der Hauptfaktoren für die derzeitige Lawinengefahr.
Die langsam steigenden Temperaturen sowie intensive Sonnenstrahlung haben in den letzten Tagen für eine Verfestigung des Triebschnees gesorgt. Allerdings steigt mit der Nullgradgrenze, die mittlerweile fast 3000 Meter erreicht, die Bedeutung von Nassschneelawinen. Aktuell ist die Schneedecke in südseitigen Steilhängen bis ins Hochgebirge oberflächlich durchfeuchtet, während nordseitig noch deutlich tiefere Schneeschichten stabiler bleiben. Für Tourengeher gilt: Besonders in den Mittagsstunden nimmt das Risiko von Nassschneelawinen stark zu, sodass eine frühzeitige Rückkehr ins Tal empfohlen wird. Am Sonntag soll sich die Lage aufgrund sinkender Temperaturen wieder leicht entspannen.
Lawinenunfälle in Südtirol: Zwei Zwischenfälle binnen weniger Tage
Letzten Sonntag ereignete sich am Flimjoch im Ultental ein Lawinenabgang, bei dem eine Vierergruppe auf dem Weg zum Gipfel von einer Schneebrettlawine überrascht wurde. Zwei Personen wurden mitgerissen – eine von ihnen wurde vollständig verschüttet, die andere nur teilweise. Dank einer schnellen Kameradenrettung sowie der Unterstützung weiterer anwesender Bergsportler konnte die verschüttete Person nach wenigen Minuten befreit werden. Beide Verunglückten wurden zur Kontrolle per Helikopter ins Krankenhaus geflogen, blieben jedoch weitgehend unverletzt.
Ein weiterer Lawinenunfall ereignete sich diesen Dienstag gegen Mittag am 2768 Meter hohen Inneren Nockenkopf in Rojen. Ein junger Mann wurde von einer Lawine mitgerissen, blieb jedoch unverletzt an der Oberfläche liegen. Aufgrund erlittener Verletzungen musste er dennoch per Helikopter ins Krankenhaus gebracht werden.
Eine Analyse der Lawinenstruktur ergab, dass die Lawine an einem extrem steilen, etwa 37 Grad geneigten Osthang auf rund 2740 Meter Höhe ausbrach. Zunächst ging nur eine Schicht frischen Triebschnees ab, doch in der Folge riss die Lawine bis in tiefere, ältere Schneeschichten und teilweise bis zum Boden durch. Die Untersuchung der Schneedecke mittels Stabilitätstests zeigte mehrere Schwachschichten aus kantigen Kristallen, die für das plötzliche Abbrechen der Schneemassen verantwortlich waren.
Wie geht es weiter? Prognosen für die kommenden Tage
Laut aktuellen Wetterprognosen sind am östlichen Alpenhauptkamm für das Wochenende leichte Schneefälle zu erwarten. Ansonsten bleibt es bis Mitte des Monats weitgehend trocken. Nach einem vorübergehenden Temperaturrückgang am Sonntag sollen die Werte in der kommenden Woche wieder ansteigen. Damit rückt das Problem der Nassschneelawinen erneut in den Fokus. Bergsportlerinnen und Bergsportler sollten daher ihre Touren sorgfältig planen, sich über die aktuelle Lawinenlage informieren und das Gelände mit Vorsicht begehen.
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