Das fast bis zuletzt schöne Leben des „letzten Paten“ – VIDEO

Der Capo liebte den Luxus und die Frauen

Mittwoch, 18. Januar 2023 | 07:07 Uhr

Von: ka

Campobello di Mazara – Im Gegensatz zu früheren Mafiabossen wie Totò Riina und Bernardo Provenzano, die fast wie Mönche lebten und sich auf einsamen Gehöften auf dem Land oder in dunklen, einem Verlies ähnelnden Räumen der italienischen Justiz zu entziehen versuchten, war der „letzte Pate“, Matteo Messina Denaro, weder dem Luxus noch dem guten Essen und noch weniger den Frauen abgeneigt. In seinem Versteck, das einer luxuriös eingerichteten Wohnung gleicht, stellten die Carabinieri neben Luxusartikeln verschiedener Art auch Medikamente sicher, die auf ein erfülltes Sexualleben hinweisen.

Caccia a fiancheggiatori e complici di Messina Denaro

Caccia a fiancheggiatori e complici di Messina DenaroDopo il blitz nella clinica La Maddalena di Palermo, le indagini si concentrano sulla rete di coperture e complicità che ha reso possibile la lunga latitanza di Messina Denaro. Vissuta, almeno nella sua ultima parte, alla luce del sole.L'inviato Riccardo Porcù per il Tg3 delle 19 del 17 gennaio 2023

Posted by Tg3 on Tuesday, January 17, 2023

Nach der Festnahme des „letzten Paten“ gingen die Ermittler der Carabinieri und der Staatsanwaltschaft daran, sein letztes Versteck herauszufinden und das Netzwerk seiner treuen Unterstützer auszuheben. Sein in den letzten Monaten vielleicht wichtigster Unterstützer, Giovanni Luppino, wurde am Montag zusammen mit dem Capo di tutti i capi verhaftet. Luppino war der Lenker des Fiat, mit dem Denaro in die Privatklinik Maddalena von Palermo gefahren wurde. Wie Andrea Bonafede, dessen Namen zur „zweiten Identität“ des Paten wurde, stammt auch Giovanni Luppino aus Campobello di Mazara. Luppino befindet sich seit Montag in Haft.

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Die Carabinieri und die Staatsanwaltschaft von Palermo konnten die letzte Wohnung des Bosses aller Bosse ausfindig machen, nachdem sie in seiner Handtasche den Autoschlüssel eines Pkw vom Typ Alfa Romeo 164 gefunden hatten. Über den Code des Schlüssels gelang es den Ermittlern, das richtige Fahrzeug zu identifizieren. Unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz konnten die Experten der Carabinieri anschließend anhand von Bildern alle mit der Alfa gefahrenen Wegstrecken rekonstruieren. Die Auswertung der Bilder und der einzelnen Fahrten des Alfa führte die Carabinieri der Sondereinheit Ros zu einem Haus in Campobello di Mazara. Zu den Aufnahmen gehörte auch das Bild von Messina Denaro, wie er mit Einkaufstaschen das Haus in Campobello di Mazara betritt und verlässt.

Im Versteck, bei dem es sich eigentlich um eine geräumige und luxuriös eingerichtete Wohnung handelt, stellten die Carabinieri Designer-Sneakers, Luxuskleidung, einen Kühlschrank voller Lebensmittel, Restaurantquittungen, Pillen, die die sexuelle Leistungsfähigkeit steigern, und Kondome sicher.

Un covo "sui generis" sotto gli occhi di tutti

Un covo "sui generis" sotto gli occhi di tuttiUn appartamento nel centro di Campobello di Mazara, con tutte le comodità e pieno di vestiti firmati e beni di lusso. Il luogo dove Messina Denaro ha passato gli ultimi mesi prima della cattura è molto lontano dallo stereotipo del covo di un boss mafioso latitante.Gabriele Carletti per il Tg3 delle 19 del 17 gennaio 2023

Posted by Tg3 on Tuesday, January 17, 2023

Ersten Meldungen zufolge wurden im Haus keine Waffen gefunden. Da mehrere Mafia-Abtrünnige behauptet hatten, dass der „letzte Pate“ der Hüter des „Schatzes“ von Totò Riina sei, wird im Haus noch tage- und wochenlang nach geheimen Verstecken gesucht werden. Beim gesuchten „Schatz“ soll es sich um das schriftlich festgehaltene „Vermächtnis“ – um streng geheime Dokumente – des Capo di tutti i capi aus Corleone handeln, die vor seiner im Jahr 1993 erfolgten Verhaftung offenbar bei Denaro in Sicherheit gebracht worden waren. Die Festnahme von Totò Riina hatte Denaro letztendlich dazu bewogen, selbst unterzutauchen und im Alter von nur 31 Jahren ein Leben im „Verborgenen“ zu beginnen.

Interessant ist aus Sicht der Ermittler, dass das Haus Andrea Bonafede gehört. Gegen Bonafede, der eigentlich als Geometer arbeitet, wurde wegen erschwerter Begünstigung sowie wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Andrea Bonafede hatte seine gesamte Identität seinem Boss Matteo Messina Denaro „geliehen“.

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„Er hat einen regelrechten Identitätsdiebstahl begangen. Das Auto und das Haus liefen auf Bonafedes Namen. Er hat praktisch diesen Decknamen für alle seine Aktivitäten verwendet“, betont der Staatsanwalt von Palermo. Im Verhör soll Andrea Bonafede erste Sachverhalte gestanden haben. Bonafede soll den Mafiaboss seit seiner Kindheit gekannt und mit dem Geld des Paten das Haus gekauft haben.

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Weiterführende Ermittlungen ergaben, dass sich der Boss aller Bosse keinesfalls „versteckte“. Matteo Messina Denaro, der sich offenbar sehr sicher fühlte, empfing in seiner Wohnung Damen, ging in ihrer Begleitung in Restaurants aus oder ließ sich erlesene Speisen gerne auch nach Hause bringen. Einem Zeugen zufolge ließ sich der Mafiaboss manchmal auch nach Palermo fahren, um in einer Luxusboutique zu shoppen.

An Geld mangelte es ihm dabei nie. Dem Capo di tutti i capi soll über Strohmänner und verschachtelten Unternehmensbeteiligungen über ein Vermögen von rund vier Milliarden Euro verfügen. Von Nachbarn wird der seit rund einem Jahr in Campobello wohnhafte Mann, der in seinem Leben Dutzende von Morden – darunter auch den brutalen Mord an einer schwangeren Frau – selbst verübt oder angeordnet hatte, als zurückhaltend, aber freundlich beschrieben.

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Insgesamt führte der Capo di tutti i capi ein zwar zurückgezogenes, aber mit vielen luxuriösen Freuden erfülltes Leben. Die größte Sorge, die ihm neben einer möglichen Entdeckung durch die Ermittler plagte, war seine angeschlagene Gesundheit. Es war insbesondere sein Darmkarzinom mit Lebermetastasen, an dem er litt, das zu seinem gesundheitlichen Verfall beitrug. Sein Hausarzt Alfonso Tumbarello, bei dem er ebenfalls als „Andrea Bonafede“ eingetragen war, sorgte mit seiner schwarz auf weiß zu Papier gebrachten Diagnose dafür, dass Denaro nach einer ersten Operation im Krankenhaus von Mazara del Vallo in die onkologische Abteilung der Privatklinik Maddalena in Palermo aufgenommen werden konnte. Genauso wie Luppino und Bonafede wurde auch Alfonso Tumbarello wegen möglicher Begünstigung eines flüchtigen Mitglieds des Organisierten Verbrechens ins Ermittlungsregister eingetragen.

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Nach seiner Verhaftung wurde Matteo Messina Denaro in das Gefängnis von L’Aquila überstellt. Es handelt sich um eine Hochsicherheitseinrichtung, in der bereits prominente kriminelle Persönlichkeiten ihre Haftstrafe verbüßten. Das Krankenhaus in der Hauptstadt der Abruzzen verfügt auch über ein gutes Onkologiezentrum.

MMD, wie Matteo Messina Denaro in den Medien und in Kreisen der Cosa Nostra auch ehrfürchtig genannt wurde, wird seinen letzten Lebensabschnitt ohne Luxus, Restaurantessen und Frauen auf kaum mehr als zehn Quadratmetern verbringen müssen. Mit ihm geht der letzte Auftraggeber des terroristischen Anschlags von Capaci, bei dem der Mafiarichter Giovanni Falcone ermordet wurde, ins Gefängnis.