Mauro Cerqueiras "Von Hand zu Hand" in Coimbra

Der Geist der Freiheit durchweht die Kunstbiennale Coimbra

Sonntag, 07. April 2024 | 07:01 Uhr

Von: apa

Sie hängen an dicken Eisenketten. Doch schleicht sich das Gefühl ein, die übergroßen Handinstallationen des portugiesischen Künstlers Mauro Cerqueira könnten in jedem Moment von der Decke fallen. Einige werden nur noch von aufrecht auf dem Boden stehenden Glasscheiben von unten gestützt. Bei anderen sind die Scheiben bereits auf den harten Steinboden gefallen und können den Installationen keinen Halt mehr geben.

Es sei eine Metapher für die Zerbrechlichkeit der Demokratie in seiner Heimat, erklärt Cerqueira. Das Werk im Santa Clara Kloster im nordportugiesischen Coimbra ist Teil der am Freitag gestarteten Kunstbiennale Anozero und könnte politisch kaum aktueller sein: 50 Jahre nach der “Nelkenrevolution”, die am 25. April 1974 der faschistischen Militärdiktatur ein Ende setzte, stieg die rechtspopulistische Chega-Partei bei den Parlamentswahlen vom 10. März katapultartig zur drittstärksten Fraktion auf, konnte ihre Mandate mehr als verdreifachen.

“Die politische Lage in Portugal ist besorgniserregend. 50 Jahre nach dem Faschismus ist unsere Brandmauer gegen rechtes Gedankengut bereits wieder gefallen, als hätten wir nichts aus unserer Geschichte gelernt. Wie meine Installationen scheinen auch unsere demokratischen Grundprinzipien an einem seidenen Faden zu hängen”, erklärt der Künstler aus Porto im Gespräch mit der APA.

Diese Gedanken ziehen sich mehr oder weniger direkt durch sämtliche Werke der rund 30 teilnehmenden Künstler aus Portugal, Spanien, Angola, Argentinien, Brasilien, Frankreich, Deutschland, Mosambik und zahlreichen anderen Ländern. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums waren sie aufgerufen, sich mit dem Freiheitsgeist der Nelkenrevolution auseinanderzusetzen, aber auch mit der dadurch ausgelösten Unabhängigkeitsbewegung in den ehemaligen portugiesischen Kolonien.

Vor dem heurigen Hintergrund des 100. Jahrestages der Entstehung des Surrealismus stellten die Kuratoren Ángel Calvo Ulloa und Marta Mestre die Biennale unter das Motto “Das Gespenst der Freiheit”. Der Titel ist dem gleichnamigen surrealen Film des spanischen Kultregisseurs Luis Buñuel aus dem Revolutionsjahr 1974 entlehnt, der auf satirische Weise die gesellschaftlichen Konventionen und die Unerreichbarkeit wahrer Freiheit beleuchtet.

So wird in den Biennalebeiträgen im bewussten Gegensatz zu den eher historisch-gesellschaftspolitischen Ausstellungen, die heuer zum 50. Jahrestag der Revolution in Portugal stattfinden, ein kritischerer, ein anderer Ansatz gesucht. “Wie missbrauchen heuer Rechtsparteien den Freiheitsbegriff? Welche Freiheitsrechte, von denen man vor 50 Jahren in Portugal träumte, wurden überhaupt erreicht?”, wirft Kurator Ángel Calvo Ulloa fragend in den Raum. “Viele der damaligen Forderungen für Lösungen von Problemen wie Wohnungsnot, Armut, eine schlechte Gesundheitsversorgung und Bildung sind heuer in Portugal wieder aktueller als je zuvor”, fügt Marta Mestre hinzu.

Die portugiesische Künstlerin Barbara Fonte beschäftigt sich in ihren Videoinstallationen unterdessen mit ihrem eigenen Körper, um indirekt über die damals wichtige, aber von der Geschichte vergessene Rolle der Frauen in der Revolution nachzudenken. In den klaustrophobisch kleinen Nonnenzellen des Klosters stellen die sehr persönlichen Videos aber auch klar, wie wenig von den damals geforderten Frauenrechten bis heute überhaupt verwirklicht wurden.

Auf dem Vorplatz der hoch über der Altstadt liegenden Universität von Coimbra errichtete der aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola stammende Künstler Yonamine hingegen seine Installation “Arapis”. Die Flaggen und Sandsäcke erinnern an Gefechtsstände aus dem Krieg und sind ein Schrei gegen die “Festung Europa”, die sich vor Ausländern und Migranten schützen will.

Im Botanischen Garten denkt der britische Turner-Preisträger Jeremy Deller über Portugals Kolonialgeschichte nach. In unmittelbarer Nähe beschäftigt sich der in Wien lebende slowakische Künstler Robert Gabris in seinem Werk “Anatomical Folding Book” im Rahmenprogramm mit dem Fehlen von Freiheit seiner Roma-Community. Es handelt sich um eine Art Teaser zu einem gefilmten Theaterstück mit Großrauminstallationen und Papierarbeiten, das auf der kommenden Kunstbiennale von Lyon im Herbst gezeigt werden soll.

Seine experimentellen Zeichnungen dienen als Mittel des Widerstands gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und Rassismus. Hierfür benutzt der Belvedere Art Ward Preisträger von 2022 Insekten als Leitmotiv. “Insekten machen den Menschen Angst. Doch sobald sie in einem Museum hinter einem Glas ausgestellt sind, sehen sie ihre Schönheit”. Auch seine Zeichnungen von Insekten und Menschenkörpern sind im Universitätsmuseum im Botanischen Garten in Glasvitrinen ausgestellt. Er spielt mit der menschlichen Urangst vor dem Unbekannten und fragt sich damit gleichzeitig auch, was es bedeutet, in einer von der Gesellschaft aufgezwungenen Identität festzustecken.

Die unleugbar heuer immer noch bestehende Angst und Skepsis gegenüber den Roma spielte selbst während der Nelkenrevolution in Portugal eine Rolle, wie auch der spanische Künstler Pedro G. Romero in seiner Drehbuchinstallation “Sénario” in Coimbra zeigt.

Im Refektorium des ehemaligen Nonnenklosters aus dem 17. Jahrhundert erinnert sich die deutsch-portugiesische Künstlerin Susanne Themlitz unterdessen in ihrer beeindruckenden, fast 40 Meter langen Installation “Und dort drinnen. Wind” an ihre ganz persönlichen Erlebnisse während der Nelkenrevolution und wie diese auf ihr Leben einwirkten.

In den gigantischen Klostergängen und Zellen von Santa Clara hallen die gespenstigen Geräuschinstallationen des Franzosen Robert Filliou, laufen Videoarbeiten der deutschen documenta-Künstlerin Andrea Büttner und führen Wendeltreppen des Portugiesen Filipe Feijão absurd-surreal ins Nichts, um über den unvollendeten Weg der Nelkenrevolution nachzudenken. Die Biennale für zeitgenössische Kunst Anozero findet in Coimbra an insgesamt acht Orten statt und läuft noch bis zum 30. Juni.

(Von Manuel Meyer/APA)

(S E R V I C E – www.geral.anozero-bienaldecoimbra.pt/anozero24)