Massenbewegung Richtung Nord-Gaza

Palästinenser kehren in den Norden Gazas zurück

Dienstag, 28. Januar 2025 | 11:16 Uhr

Von: APA/AFP/dpa

Während Hunderttausende palästinensische Vertriebene in ihre verwüsteten Wohngebiete im Norden des Gazastreifens zurückkehren, wartet Israel auf die Rückkehr weiterer nach Gaza entführter Geiseln. Acht der 33 für den Austausch vorgesehenen Geiseln sind allerdings tot, bestätigte Israels Regierung Angaben der Hamas. Trotz der geltenden Waffenruhe gab es unbestätigten Berichten zufolge im Gazastreifen erneut Tote durch israelische Angriffe.

Israels Armee wollte diese Berichte prüfen. Nach Angaben eines Krankenhauses wurden bei israelischen Angriffen im Flüchtlingsviertel Nuseirat zwei Palästinenser getötet und mehrere verletzt. Zudem starb ein Kind laut Augenzeugen, als ein Pferdegespann von einer Rakete getroffen wurde. Ein Mann sei zudem beim Beschuss einer Planierraupe getötet worden. Keine der Angaben ließ sich unabhängig überprüfen.

Video deutsch-israelischer Geisel veröffentlicht

Derweil veröffentlichte die Terrororganisation Palästinensischer Islamischer Dschihad (PIJ) israelischen Medien zufolge ein Video der deutsch-israelischen Geisel Arbel Yehud. Darin versichert die 29-Jährige ihrer Familie, dass es ihr gut gehe und sie “wie die anderen Frauen” nach Hause kommen werde, berichtete die “Times of Israel”. Ihre Freilassung wurde für Donnerstag angekündigt.

Die junge Frau war während des Überfalls der Hamas und anderer Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023 mit ihrem Freund aus ihrem Haus nach Gaza verschleppt wurden. Ihr Bruder, der im selben Ort in der Nähe des abgeriegelten Küstengebiets wohnte, wurde getötet. Das Massaker mit rund 1.200 Toten löste den Gaza-Krieg aus.

Als Zivilistin hätte Yehud eigentlich schon Samstag freikommen sollen. Die Hamas ließ letztlich aber vier Soldatinnen frei. Wegen dieser Verletzung des Waffenruhe-Deals verzögerte Israel die ebenfalls vereinbarte Rückkehr der palästinensischen Bewohner in den Norden Gazas. Als die Hamas einlenkte und Yehuds Freilassung ankündigte, erlaubte Israel am Montag die Rückkehr der Menschen in den Norden.

Hamas: 300.000 Menschen nach Nord-Gaza zurückgekehrt

Nach Angaben des Medienbüros der Hamas trafen gleich am ersten Tag rund 300.000 Menschen im Norden ein. Unabhängig ließ sich diese Angabe zunächst nicht überprüfen. Aber auch die Vereinten Nationen sprachen auf der Plattform X von “Hunderttausenden”. Aufnahmen in sozialen Medien zeigten kilometerlange Schlangen von Menschen im Gazastreifen, die zu Fuß über eine ausgewiesene Route am Meer unterwegs waren.

Im Norden hatte Israels Bodenoffensive begonnen. Das Militär riegelte damals den Norden vom Rest des Küstengebiets ab. Hunderttausende Bewohner wurden im Laufe des mehr als 15-monatigen Kriegs in den Süden vertrieben, wo sie meist in notdürftigen Zeltlagern hausten.

Die Hamas erwartet nach eigenen Angaben, dass die Zahl der Rückkehrer in den kommenden Tagen auf etwa 600.000 steigen wird. Insgesamt leben im dicht besiedelten Gazastreifen mehr als zwei Millionen Menschen.

Rückkehrer mit Auto müssen einen Kontrollpunkt passieren. Private Sicherheitskräfte eines amerikanischen und eines ägyptischen Unternehmens kontrollieren die Fahrzeuge, um sicherzustellen, dass keine Waffen in den Norden gelangen, wie die Zeitung “Times of Israel” unter Berufung auf einen ägyptischen Beamten berichtete. Dies sei eine der Bedingungen des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanyahu für die zunächst auf sechs Wochen angelegte Waffenruhe gewesen.

Österreicher auf Geisel-Liste

Insgesamt sollen im Rahmen einer zwischen Hamas und Israel vereinbarten Waffenruhe innerhalb von 42 Tagen 33 Geiseln freikommen. Wie die israelische Regierung am Montag mitteilte, sind acht von ihnen jedoch tot. Eine von der Hamas übermittelte Liste mit diesen Zahlen stimmt laut Israels Regierungssprecher David Mencer mit Geheimdienstinformationen überein.

Die acht Geiseln seien von der Hamas getötet worden, teilte Mencer mit. Die Entführer wiederum hatten im Fall mehrerer Geiseln in der Vergangenheit erklärt, diese seien durch israelische Bombardements ums Leben gekommen. Diese Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Der 39-jährige Österreicher Shoham steht auf der ursprünglichen Liste der ersten 33 Geiseln, die freigelassen werden sollten.

Keine Todesnachricht an Familie von Tal Shoham

Die Familien der Geiseln wurden israelischen Angaben zufolge über den Zustand ihrer verschleppten Angehörigen informiert. Die Familie von Shoham hat offenbar keine Todesnachricht ihres Angehörigen erhalten. “Ungeachtet aktueller Berichte oder Erklärungen bleiben wir in Ungewissheit über das Schicksal unseres Sohnes, Ehemanns und Vaters Tal Shoham. Gewissheit werden wir erst finden, wenn wir Tal wieder wohlbehalten und sicher in unseren Armen halten”, teilte die Familie am Montag nach Informationen der APA mit.

Sieben Geiseln sind – im Austausch gegen 290 Häftlinge – an den vergangenen beiden Wochenenden bereits freigelassen worden. Während der ersten Phase der Waffenruhe sollen im Austausch für die 33 Geiseln insgesamt 1.904 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlassen und die Hilfslieferungen in den Gazastreifen verstärkt werden.

UN gegen Trump-Pläne für Gaza

Die Vereinten Nationen lehnen unterdessen die Idee von US-Präsident Donald Trump zur Umsiedlung der palästinensischen Bewohner des Gazastreifens in arabische Länder entschieden ab. “Natürlich wären wir gegen jeden Plan, der zur Zwangsumsiedlung von Menschen führen könnte oder zu irgendeiner Art ethnischer Säuberung”, erklärte der Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, Stéphane Dujarric, in New York. Er betonte, dass sich auch Ägypten und Jordanien kritisch zu dem Plan des US-Präsidenten geäußert hätten.

Trump hatte vor Journalisten gesagt, Ägypten und Jordanien könnten die Menschen aufnehmen. Er schlug vor, an einem anderen Ort Wohnungen zu bauen, wo die Palästinenser vielleicht “zur Abwechslung in Frieden leben” könnten. Das könne vorübergehend oder langfristig sein, entgegnete er auf eine Journalistenfrage. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas warnt vor einer möglichen Vertreibung der Bewohner des Küstenstreifens. Aus seiner Sicht wäre das “eine eklatante Verletzung der roten Linien”.

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