Verteidigungsminister kündigt israelische Sicherheitszonen in Gaza an

Israel setzt auf Eroberung einer Gaza-Route

Mittwoch, 02. April 2025 | 20:40 Uhr

Von: APA/dpa/Reuters

Israel wird nach Angaben von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu einen weiteren Korridor, der den Gazastreifen teilt, kontrollieren. “Wir erobern die Morag-Route”, sagte er in einer Videoansprache am Mittwoch. Morag war einst eine israelische Siedlung im Süden des Palästinensergebiets. Die Route trennt israelischen Medien zufolge Rafah von der Stadt Khan Younis.

Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor die Eroberung umfangreicher Gebiete angekündigt, die zu israelischen “Sicherheitszonen” werden sollen. Die Teilung des Gazastreifens erhöhe den Druck auf die Hamas, so Israels Regierungschef. Der Druck werde so lange verstärkt, bis die Islamistenorganisation die Geiseln freilasse. Israels Armee kontrolliert bereits einen Großteil des sogenannten Netzarim-Korridors, eine strategisch bedeutsame Route, die den Küstenstreifen in eine nördliche und eine südliche Hälfte teilt.

“Es wird ein Gang höher geschaltet”

Netanyahu verglich die neue Route zudem mit einem weiteren wichtigen Gebiet, das Israel kontrolliert: “Dies wird der zweite Philadelphi-Korridor sein”, so der israelische Regierungschef. Die Kontrolle des Philadelphi-Korridors entlang der Grenze des Gazastreifens zu Ägypten hat für Israels Führung schon seit langem große Priorität. So soll es der Hamas nach israelischen Angaben unmöglich gemacht werden, wie früher durch Tunnel unter der Grenze hindurch Waffen zu schmuggeln. “Heute Abend haben wir im Gazastreifen einen Gang höher geschaltet. Die israelischen Streitkräfte erobern Gebiete, greifen Terroristen an”, sagte Netanyahu.

Im Norden des Gazastreifen hat es Anwohnern zufolge wieder eine große Demonstration gegen die Hamas und den Gaza-Krieg gegeben. Hunderte Menschen, darunter Kinder und Frauen, forderten die Islamistenorganisation zum Rückzug auf, wie Augenzeugen der Deutschen Presse-Agentur berichteten. Der Protest zwischen Ruinen der Stadt Beit Lahia richtete sich auch gegen US-Pläne zur Umsiedlung der Menschen. Auf Videos, die in sozialen Medien kursieren und die Demonstration zeigen sollen, skandieren Palästinenser “Hamas raus”.

Bereits in der vergangenen Woche hatte es im Gazastreifen drei Tage am Stück Proteste gegen die Herrschaft der Hamas sowie den Krieg mit Israel gegeben. Kundgebungen dieser Art gibt es nur äußerst selten, da die Terrororganisation dafür bekannt ist, mit großer Härte gegen interne Gegner vorzugehen. Mitglieder der Hamas sollen jüngst auch einen 22-jährigen Protestteilnehmer entführt und zu Tode gefoltert haben, wie örtliche Medien im Gazastreifen unter Berufung auf seine Familie meldeten.

Israel will nach Angaben von Verteidigungsminister Katz seinen Militäreinsatz im Gazastreifen ausweiten und “große Gebiete” des Palästinenser-Gebiets besetzen. Ziel sei es, gegen “Terroristen” vorzugehen und “terroristische Infrastruktur” zu zerstören, erklärte Katz am Mittwoch. “Große Gebiete” des Gazastreifens sollten zu “israelischen Sicherheitszonen” werden. Bei israelischen Luftangriffen in Gaza wurden nach palästinensischen Angaben mindestens 53 Menschen getötet.

Katz forderte die Bewohner des Gazastreifens auf, die Hamas zu beseitigen und israelische Geiseln zurückzugeben. Dies sei der einzige Weg, den Krieg zu beenden. Die deutsche Regierung ließ unterdessen 19 Deutsche aus dem palästinensischen Küstenstreifen herausbringen. Laut Angaben des Außenministeriums in Wien befinden sich derzeit keine Österreicherinnen und Österreicher im Gazastreifen.

Hamas spricht von 73 Toten

Katz sagte, der Einsatz werde Militante und Infrastruktur beseitigen “und große Gebiete einnehmen, die den Sicherheitszonen des Staates Israel hinzugefügt werden”. Das israelische Militär hatte bereits Evakuierungen in einigen südlichen Bezirken angeordnet. Palästinensische Radiosender berichteten, das Gebiet um Rafah sei nach den Evakuierungsbefehlen fast vollständig verlassen.

Bei israelischen Angriffen im Gazastreifen sind nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Laufe des Tages 73 Menschen getötet worden. Die Angaben unterscheiden nicht zwischen Zivilisten und Kombattanten und lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA meldete tödliche Angriffe in Khan Younis im Süden sowie in Al-Zawaida im Zentrum des Gazastreifens. Zudem habe es in Jabaliya im Norden des Gebiets viele Tote gegeben, als bei einem israelischen Luftangriff eine Klinik des UNO-Palästinenserhilfswerks UNRWA getroffen worden sei. “Das Einzige, was unseren weiteren Vormarsch aufhalten kann, ist die Freilassung unserer Geiseln”, sagte Israels Generalstabschef Eyal Zamir Armeeangaben zufolge bei einem Truppenbesuch in Rafah im Süden des Gazastreifens.

Das israelische Militär erklärte, es habe ein Gebäude angegriffen, das früher als Spital genutzt worden sei und nun als Hamas-Kommando- und Kontrollzentrum zur Planung von Angriffen gedient habe. Das Militär habe Überwachungsmaßnahmen eingesetzt, um das Risiko für Zivilisten zu verringern. Die Hamas bestritt, das Gebäude zu nutzen, und bezeichnete die israelische Anschuldigung als “offensichtliche Erfindung”. Reuters-Videoaufnahmen von den Folgen des Angriffs zeigten Blut auf dem Boden, während Rettungskräfte Leichen auf Tragen abtransportierten.

Israel will offenbar Druck auf Bevölkerung erhöhen

Aus der Erklärung von Katz ging nicht hervor, wie viel Land Israel besetzen will und ob es sich um eine dauerhafte Annexion handelt. Dies würde den Druck auf eine Bevölkerung weiter erhöhen, die bereits in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt lebt. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsgruppe Gisha hat Israel bereits etwa 62 Quadratkilometer oder rund 17 Prozent der Gesamtfläche des Gazastreifens unter seine Kontrolle gebracht. Dies geschah im Rahmen einer Pufferzone um die Ränder des Küstenstreifens.

Gleichzeitig haben israelische Regierungsvertreter erklärt, sie wollten die freiwillige Ausreise von Palästinensern aus dem Gebiet erleichtern. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor gefordert, den Gazastreifen dauerhaft zu evakuieren und unter US-Kontrolle zu einem Küstenresort umzugestalten. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu forderte eine Entwaffnung der Hamas. Militärischer Druck sei der beste Weg, die verbliebenen 59 israelischen Geiseln im Gazastreifen zurückzubekommen.

Israel hatte vergangenen Monat die Luftangriffe auf den Gazastreifen wieder aufgenommen und erneut Bodentruppen in Marsch gesetzt. Zuvor hatte es zwei Monate eine Waffenruhe gegeben, die den Austausch von Hamas-Geiseln gegen palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen ermöglicht hatte. Seit der Wiederaufnahme der Angriffe wurden Hunderte Palästinenser getötet. Israel hat auch die Hilfslieferungen in das Gebiet unterbrochen mit der Begründung, dass ein Großteil davon von der Hamas beschlagnahmt werde.

Israel war im Oktober 2023 in den Gazastreifen einmarschiert, nachdem Tausende von der Hamas angeführte Bewaffnete in einer beispiellosen Aktion den Süden Israels angegriffen hatten. Dabei wurden nach israelischen Angaben 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln genommen. Der israelische Feldzug hat nach Angaben palästinensischer Gesundheitsbehörden mehr als 50.000 Palästinenser getötet und den Gazastreifen verwüstet. Fast die gesamte Bevölkerung von 2,3 Millionen Menschen wurde aus ihren Häusern vertrieben.

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