Petition an die Politik

Lehrer zeigen auf, was aus dem Ruder läuft

Donnerstag, 02. Juli 2020 | 10:46 Uhr

Von: luk

Bozen – Die Lehrerinitiative Südtirol richtet eine öffentliche Petition an die Verantwortlichen in der Südtiroler Schul- und Bildungspolitik mit dem Aufruf, bei den Anliegen der Schule auch die Erfahrungen der Lehrkräfte zu berücksichtigen und die ausstehenden Verhandlungen zum Dienst- und Besoldungsrecht des Lehrpersonals unverzüglich in Angriff zu nehmen.

Die Petition ist seit Montag 17.00 Uhr online. Bis heute haben rund 1000 Personen unterzeichnet.

 

Nachfolgend die Petition im Orginalwortlaut:

 

Lehrerwunderland Südtirol?
Petition für die Behebung einer Disparität

Wir rufen alle Südtiroler Lehrerinnen und Lehrer auf, diese Petition mit ihrer Unterschrift zu
unterstützen.

 

An den Südtiroler Landeshauptmann Dr. Arno Kompatscher,
an den Landesrat für Schule und Kultur Philipp Achammer,
an die Landesdirektorin und Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner

 

Wir zeigen auf

Dem vielbeschworenen Selbstverständnis Südtirols als begehrenswertester Lebensraum in Europa mit wirtschaftlicher Qualitätsführerschaft steht eine viel weniger ehrgeizige gesellschaftliche Realität gegenüber. Die ethnische Prägung des Landes mit dem strukturellen Nebeneinander von Sprachen, Bildung, Kultur, Soziales und den Kontrasten von Stadt und Land erfährt einen viel bescheideneren Gestaltungsanspruch. Das zeigt sich in den Bereichen der Schule und Berufsausbildung, die trotz eigener Verwaltung und Autonomie eine zukunftsfähige und auf den empirischen Erfahrungen der Fachkräfte aufbauende Bildungspolitik vermissen lassen. Vieles erweist sich zudem nur als eine Blaupause des römischen Zentralismus.

Einerseits zwar aufwändige Investitionen in Schulbauten und mediale Repräsentation, daneben aber Reglementierung der Pädagogik und keinen Euro mehr für die professionelle und öffentliche Aufwertung der Lehrberufe. Und die mit aller Wucht hereingebrochene digitale Bildungsrevolution bedroht zunehmend die geistige, kulturelle und soziale Entwicklung der jungen Menschen durch die Herstellung von bestenfalls arbeitsmarktgerechten Ausgebildeten, möglichst kosten- und zeitoptimiert. Bisheriger Höhepunkt ist die Kompromittierung der Institution Schule durch die aktuellen ministerialen Vorgaben und die regionale Anpassung der Zeugnisschlussbewertung durch die Bildungsdirektion. Die behördlichen Vorgaben untergraben so nicht nur die Ausrichtung der erzieherischen Aufgaben auf Schulcurricula und kompetenzorientiertes Lernen, durch das aktuelle Bewertungschaos wird jedes Lernziel zu einem Gegenstand, der mit einer niedrigen Frustrationsschwelle leicht zu umgehen ist.

Vor Jahren bereits zeigte John Hattie auf, welches der Preis ist für eine primär medienbasierte Pädagogik und Übernormierung der Schule, nämlich Autoritätsverlust der Lehrpersonen, Entpersonalisierung des Lernens, Verzicht auf Anstrengung und Üben beim Lernen und ein Schwund der Kompetenzen und Leistungen. Und das Resultat ist ein Schulsystem, das – anstatt von den fachlichen Autoritäten mitgestaltet – unter dem Regime von PISA und INVALSI steht und außerstande ist, sich für die tatsächlichen Lern- und Bildungsprozesse zu interessieren.

Angesichts der gewandelten Anforderungen an die Lehrberufe und der Hegemonie der Bildungsplaner im Lande macht sich Resignation und Verbitterung breit. Aus der offiziellen Rhetorik merkt man auf Schritt und Tritt den geringen Stellenwert der Berufsgruppe der Lehrenden, der im medialen Dauerbrenner „Schule“ kaum je angemessen korrigiert werden kann. Das genau ist aber das Ziel dieser Initiative.

Was aus dem Ruder läuft

Das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer und unser ethisches Selbstverständnis verpflichten uns zu einem anspruchsvollen Auftrag im Dienst der Gesellschaft. Dabei stehen wir zu Recht unter kritischer öffentlicher Beobachtung und Evaluation, deren Ergebnisse aber nicht selten positiv ausfallen. Nach den Erfahrungen mit dem Ausnahmezustand der Corona-Krise wird von vielen Seiten eingeräumt, dass die Institution Schule und die Lehrkräfte in Südtirol – quasi über Nacht – den außerordentlichen Herausforderungen weitgehend auf professionelle Weise gewachsen waren und sind.

Allerdings klingt die Sprache der Bildungspolitik und der Landesschuldirektion zu oft wie eine wohlfeile Rhetorik und Beschwichtigung. Seit Jahren wird eine gerechte Anerkennung und materielle Abgeltung der Leistungen der Lehrkräfte auf die lange Bank geschoben, werden die Verhandlungen zum Kollektivvertrag der Lehrkräfte immer wieder verzögert, während die meisten anderen Berufskategorien, insbesondere die Führungspositionen in Politik und Verwaltung, ansehnliche Lohnanpassungen und Nachzahlungen erhalten haben. Die soziale und meritorische Ausgewogenheit von Leistungen und Vergütungen ist der Baustein einer Zivilgesellschaft. Aber genau da läuft einiges aus dem Ruder.

Unter dem Druck der Haushaltspolitik und Steuereinsparung findet eine Prekarisierung der Kultur- und Sozialarbeit statt, und wir müssen eine Geringerbewertung der Bildungsarbeit hinnehmen, ohne dass dazu eine bemerkenswerte gesellschaftliche Diskussion stattfindet. Die Corona-Krise ist dazu geeignet, alte Polarisierungen und Paradoxien aufzubrechen und das Trugbild eines Wirtschaftswunderlandes Südtirol zu entzaubern. Einerseits beschwört man das Unternehmertum und preist die Regeln der Marktwirtschaft. Aber nachdem die Profite der Nuller- und Zehnerjahre privatisiert sind, drängt man darauf, die finanziellen Folgen der Pandemie auf alle zu verteilen.

Wir fordern hiermit die Landesregierung auf, sich auf eine Anerkennung von vergleichbaren gesellschaftlichen Leistungen zu besinnen. Wir beanstanden die Übertragung komplexer gesellschaftlicher Aufgaben an die Schule, ohne dass sie an einer gerechten Verteilung des materiellen Wohlstands Anteil hat.

“Jede Krise, die keinen Systemwandel bringt,
übersteuert das alte System weiter.”
Prof. Andreas Exenberger, Universität Innsbruck

Wir fordern Verhandlungen zu einem neuen Arbeitsvertrag

Mit dem Übergang der staatlichen Schule und des Lehrpersonals in Landeskompetenzen im Jahr 1998 erhielt Südtirol die Möglichkeit, die Schulentwicklung und Bildungspolitik nach den besonderen Bedürfnissen des Landes mit drei Sprachgruppen zu gestalten. Für die Lehrerinnen und Lehrer brachte das eine Mehrbelastung mit erheblichen Zusatztätigkeiten in Form von Unterrichtsstunden und weiteren beruflichen Verpflichtungen, die mit der sogenannten Landeszulage abgegolten werden. Damals belief sich das Monatsgehalt einer Lehrkraft mit zehn Dienstjahren (von September bis Juni) auf etwa 1.700 Euro und erreichte – abgestuft nach Dienstjahren und Berufslaufbahn – mit 40 Dienstjahren 5.500 Euro. Allerdings ist seither bei der Landeszulage ein Aufstieg in die 4. oder gar 5. Gehaltsebene und eine gehaltsmäßige Laufbahnentwicklung blockiert. Während die Lehrkräfte der oberen Gehaltsstufen inzwischen aus dem Dienst ausgeschieden sind, erreichen Lehrpersonen am Ende einer 40-jährigen Berufstätigkeit heute gerade 2.500 Euro. Außerdem sind auch die Vorrückungen in der staatlichen Gehaltstabelle seit 2012 (Regierung Monti) aufgehoben beziehungsweise unterbrochen. Viele „Junglehrer“ haben sich damals mit der Landeszulage für den Übergang der „Schule zum Land“ überzeugen lassen und haben damit gerechnet, in der Lohn- und Bildungspolitik später auch selbst eine faire Behandlung zu erfahren. Dem ist jedoch ganz und gar nicht so.

Im Vergleich zu einer in allen Berufsgruppen und Arbeitsbereichen üblichen Anerkennung der Berufserfahrung in der Gehaltsentwicklung ist das staatliche Lehrpersonal in Südtirol auf vielfache Weise benachteiligt. So hat sich der Übertritt zum Land unter vielerlei Hinsicht dienstrechtlich und ökonomisch nicht ausgezahlt. Das betrifft die nicht gewährleistete Abgeltung der weitreichenden Zusatztätigkeiten und den ständig steigenden Einsatz des Lehrpersonals für eine zeitgemäße Schulentwicklung in den letzten zehn Jahren und nicht zuletzt auch die Relation der Lehrergehälter zu den Lebenshaltungskosten in Südtirol. Hinzu kommt, dass die Lehrkräfte in Südtirol seit Jahren mit ihrer privaten medialen und digitalen Ausstattung, für die sie keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten, die Digitalisierung der Schule und in der aktuellen Situation auch das gute Funktionieren des Fernunterrichts erst ermöglichen.

Ganz und gar inakzeptabel ist schließlich die Lohnsituation des in staatlichen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen arbeitenden Personals im Vergleich mit jenem in Landesdienst. Da gibt es eine Diskrepanz in der Entlohnung der „Staatslehrer“ zu jener der „Landeslehrer“, dass man von einer massiven Ungleichbehandlung mit relevanten Auswirkungen auf das Lebenseinkommen und vor allem auf Pension und Abfertigung sprechen muss.

Unsere Anliegen

1. Die erste Forderung betrifft eine Anpassung der Gehälter an einen akademischen Standard, angefangen vom Beginn der Laufbahn bis zum Ende nach 40 Dienstjahren mit einer progressiven Erhöhung um 800 Euro netto monatlich, um nach einem 15-jährigen Stillstand den realen Lohnschwund zu korrigieren und eine gerechte Staffelung der Gehälter gemäß der Laufbahnentwicklung wieder herzustellen.

2. Den Lehrkräften ist rückwirkend mit einem Pauschalbetrag die persönliche Ausstattung mit digitalen Medien zu vergüten, so wie es seit 2015 den Lehrkräften in den Schulen „staatlicher Art“ gemäß der Maßnahme der Regierung Renzi mit der „carta del docente“ und jährlich 500 Euro zusteht. Beschämend und empörend ist, dass Landesrat Philipp Achammer der Schule und den Lehrkräften in Südtirol vorenthält, was die Lehrer des Staates Italien seit dem Jahr 2015 erhalten haben, nämlich 2.500 Euro.

3. Auf der Grundlage einer gründlichen Analyse fordern wir die dienstrechtliche und ökonomische Gleichstellung des Lehrpersonals in den staatlichen Grund-, Mittel- und Oberschulen mit jenem der Lehrkräfte in Landesdienst. Dabei sind auch die zweijährigen Vorrückungen sowie die Positionen von Abfertigung und Pension (TFS, TFR) sicherzustellen.

4. Die Honorierung der Zweisprachigkeit nach dem Zertifikat A, wie sie für die Mittel- und Oberschule gilt, wird im Vergleich zu anderen Berufsgruppen nur zur Hälfte vergütet.
Obwohl die Schule in zunehmendem Maße aufgrund der sozialen und kulturellen Komplexität mit zwei- und dreisprachigen Lernsituationen arbeitet, werden diese Belastungsfaktoren im Gehaltsschema nicht berücksichtigt. Wir fordern daher die Anpassung der Zweisprachigkeitszulage des Lehrpersonals an dieselben Beträge, die für das Personal in anderen gleichwertigen Berufsgruppen gelten.

5. Die vorzeitige Möglichkeit, auf die Beträge aus der Abfertigung (TFS, TFR) zuzugreifen, ist dem staatlichen Lehrpersonal verwehrt. Hier fordern wir eine Angleichung.

Juni 2020      Für die LehrerInneninitiative Südtirol:

Josef Klammer, Sozialwissenschaftliches Gymnasium, Sand in Taufers Markus Klammer, Wirtschaftliche Fachoberschule „H. Kunter“, Bozen Siegfried Klammer, Sprachen- und Realgymnasium „Nikolaus Cusanus“, Bruneck Florian Leimgruber, Mittelschule „Karl Meusburger“, Bruneck
Armin Monsorno, Gymnasium „Walther von der Vogelweide“, Bozen
Monika Niederwieser, Realgymnasium, Bozen
Josef Oberhollenzer, Mittelschule „Paul Troger“, Welsberg
Konrad Steger, Mittelschule St. Johann, SSP Ahrntal
Anny Tauber, Wirtschaftsfachoberschule „Julius und Gilbert Durst“, Brixen

Bezirk: Bozen