Patienten warten bis zu 251 Tage

Sanität: Wartezeiten für Facharztvisiten dauern immer länger

Montag, 04. September 2017 | 11:04 Uhr

Von: mk

Bozen – Häufig beklagen Patientinnen und Patienten in Südtirol lange Wartezeiten, sowohl bei Facharztvisiten als auch bei Eingriffen und Operationen. Dabei tragen kurze Wartezeiten entscheidend zur Zufriedenheit der Patienten bei und oft kann durch schnelle Intervention Schlimmeres vermieden werden. Kurze bzw. angemessene Wartezeiten kennzeichnen außerdem einen guten Service. Eine Verringerung langer Wartezeiten sollte daher oberste Priorität haben. Dies erklärt die Verbraucherzentrale Südtirol (VZS) in einer Aussendung.

Mit einem Vereinbarungsprotokoll hatten das Assessorat für Gesundheitswesen, der Südtiroler Gesundheitsbetrieb und die VZS 2008 beschlossen, schrittweise die Wartezeiten für fachärztliche Leistungen allen Bürgern über Internet zugänglich zu machen und zu veröffentlichen, mit dem Ziel, diese abzubauen. Seit 2009 existiert die Datenbank (www.sabes.it). Die VZS hat nunmehr die Daten von September 2009 mit denen von Juli 2017 verglichen. Die Ergebnisse sind beunruhigend. Tendenziell sind die Vormerkzeiten nicht kürzer, sondern länger geworden. Die Vormerkzeiten bei Fachvisiten, welche in allen Krankenhäusern angeboten werden sind durchschnittlich um 2,5 Tage gestiegen.

Im Vergleich der Krankenhäuser Südtirols untereinander ergab sich folgendes Ergebnis: Die tatsächliche Wartezeit für eine Visite ist in Bozen am längsten und beträgt durchschnittlich 81,14 Tage, in Sterzing ist sie mit 33,7 Tagen am kürzesten.

Vergleicht man die Entwicklung der Wartezeiten von 2009 mit 2017, ist auch hier Sterzing „Klassenbester“. Die durchschnittliche Wartezeit ist seit 2009 um 13,53 Tage gesunken, am schlechtesten schnitt Brixen ab, wo die durchschnittliche Wartezeit im selben Zeitraum um 17,39 Tage angestiegen ist (Details siehe Tabelle). Diese Ergebnisse müssen aber insoweit relativiert werden, als jeweilige Vormerkzeiten abhängig vom Krankenhaus und den jeweiligen Leistungen innerhalb eines Krankenhauses stark variieren.

Aus den Tabellen ist ebenfalls ersichtlich, dass die Wartezeiten im Vergleich zu 2009 und 2014 kontinuierlich angestiegen sind.

Beim direkten Vergleich der Vormerkzeit für sechs Leistungen, die in allen Krankenhäusern angeboten werden (2009-2017) zeigt sich, dass Schlanders am schlechtesten abschneidet und sich von sechs Leistungen, welche in allen Krankenhäusern angeboten werden, bei fünf Leistungen die Wartezeit verschlechtert hat. Am besten schneidet hier hingegen Brixen ab: hier haben sich fünf Wartezeiten im Vergleich zu 2009 verbessert. Insgesamt haben sich seit 2009: 22 Positionen verschlechtert und nur 18 verbessert (Details siehe Tabelle).

Aus der Tabelle in welcher 2014 mit 2017 verglichen wird, ist erkenntlich, dass sich viele Positionen leider wieder verschlechtert haben. Insgesamt haben sich, seit 2014, 23 Positionen verschlechtert und nur 16 verbessert (Details siehe Tabelle).

Diejenigen, denen die allgemeinen Vormerkzeiten zu lange sind, haben auch die Möglichkeit, eine Privatvisite (sog. Intramoenia) zu vereinbaren, denn seit März 2010 dürfen die Krankenhausärzte in gewissem Rahmen nebenher auch freiberuflich tätig sein. Eine Privatvisite kostet je nach Leistung und Arzt zwischen 13 EUR und 651 EUR (www.sabes.it). Die Wartezeiten sind jedoch erheblich kürzer. Im Bereich der Dermatologie betragen die regulären Vormerkzeiten zwischen 97 und 194 Tage. Eine Stichprobe hat ergeben, dass für eine entsprechende Privatvisite erste Termine bereits nach sechs Tagen frei waren, wenn man nicht zu einem bestimmten Arzt wollte.

Ist die Visite dringend, sind die Wartezeiten zwar ebenfalls erheblich kürzer. Die Einstufung einer Visite als dringend wird jedoch sehr restriktiv gehandhabt, sodass letztlich doch in der Regel die Wartezeit für eine nicht dringende Visite ausschlaggebend ist.

Es scheint, als habe die Einführung der Privatvisite anstatt die Wartezeiten zu verkürzen dazu geführt, eine Zwei-Klassen-Medizin zu etablieren. Wer es sich leisten kann, hat Zugang zu ärztlicher Versorgung in angemessen kurzer Zeit. Alle anderen müssen warten.

Auch das 2012 eingeführte Rückvergütungssystem ändert daran wenig. Für Leistungsbereiche, die in der jeweiligen Region als unterversorgt eingestuft sind – Vormerkzeit für nicht-dringende Visiten länger als 60 Tage – wird ein Betrag von 50 EUR erstattet, wenn man eine Privatvisite außerhalb des Krankenhauses wahrnimmt. Dieser Betrag ist verglichen mit den hohen Kosten für eine Privatvisite aber gering.

Am längsten wartet man aktuell auf eine rheumatologische Visite im Krankenhaus Bozen, nämlich ganze 251 Tage. Am kürzesten wartet man aktuell auf verschiedenen Computertomographien im Krankenhaus von Sterzing, da man dort sofort einen Termin erhält.

Die VZS rät den Patienten bei Bedarf die Vormerkzeiten auf der Webseite des Südtiroler Sanitätsbetriebes zu kontrollieren um übertrieben langen Wartezeiten aus dem Weg zu gehen. Oft werden Untersuchungen und Visiten nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in den Gesundheitssprengeln angeboten bzw. in einem anderen Gesundheitsbezirk. Nach vorheriger Kontrolle können sich Patienten hier aktuell (24.08.2017) bis zu 232 Tage Wartezeit ersparen. Aktuelles Beispiel ist hier die rheumatologische Visite: während man in Bozen ohne Dringlichkeitseinstufung 251 Tage auf eine Visite warten muss, sind es im Krankenhaus Bruneck sage und schreibe nur 19 Tage.

Die Verbraucherzentrale bedauert diese bedenkliche Tendenz hin zur Zwei-Klassen-Medizin. Sie wird die Entwicklung der Vormerkzeiten jedoch auch in Zukunft im Auge behalten um die Verbraucher auf dem Laufenden zu halten.

vzs

Bezirk: Bozen