Von: mk
Pokrowsk – Seit über drei Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die russischen Invasion, die Kreml-Despot Wladimir Putin am 24. Februar 2022 initiiert hat – nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim im Jahr 2014. Obwohl US-Präsident Donald Trump vollmundig versprach, den Konflikt so rasch wie möglich zu beenden, tobt der Kampf an der Front mit unverminderter Härte weiter. Zwar hat sich die Ukraine in Kursk etwas zurückgezogen, startete aber eine neue Offensive auf russischem Staatsgebiet bei Belgorod. Außerdem konnte sie Geländeverluste bei Pokrowsk im Osten des Landes wiedergutmachen.
Die Industrie- und Bergbaustadt ist wichtiges logistisches Zentrum für die Ukraine in ihrer Verteidigung. Bekanntlich waren russische Truppen in den vergangenen Monaten – langsam und unter hohen Verlusten, aber stetig – auf Pokrowsk vorgerückt.
Wie Militärökonom Marcus Keupp von der ETH Zürich gegenüber dem ZDF erklärt, machte der Fortschritt seit Dezember rund zwei Kilometer pro Woche aus. „Das ist ein Witz. Man muss bedenken, dass Russland allein in diesem Raum eine Division stehen hat“, sagt Keupp. Eine Division umfasst 20.000 Mann.
Bis März konnten die zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen der Ukraine verlorenes Gelände wieder zurück erobern. Das bedeutet: In diesem Abschnitt der Front herrscht Stillstand. Laut Keupp handelt es sich um eine absolut neue Entwicklung in dem Krieg – ein Phänomen, das es bisher in dieser Form noch nie aufgetreten ist. „Zwischen 1. und 27. März hat sich die Front nicht um einen Meter bewegt. Das ist mir aufgefallen, denn das gab es in diesem Krieg bisher noch nicht“, betont Keupp.
Ihm zufolge kommen dafür nur zwei mögliche Gründe infrage. „Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder haben die Russen Riesenprobleme mit der Logistik oder sie bereiten im Moment einen Großangriff an anderer Stelle vor“, erklärt der Militärökonom dem ZDF gegenüber. Wo genau dieser stattfinden könnte, ist laut Keupp Spekulation. Ihm zufolge wäre ein Angriff bei Saporischschja möglich.
Auch die Überlegungen anderer Militäranalysten gehen in eine ähnliche Richtung. Vermutet wird, dass Russland eine Sommeroffensive im Raum Charkiw plant, schreibt etwa „The Analyst“ auf Bluesky.
„Es könnte wirklich sein, dass die Russen die Bewegung jetzt anhalten, die Truppen auffüllen und dann einen massiven neuen Schlag versuchen, um neue Fakten zu schaffen“, sagt Keupp.
Gleichzeitig erinnert er an Videoaufnahmen, die russische Soldaten auf Eseln und Motorrollern mit Beiwagen zeigen. Ihm zufolge ist es durchaus möglich, dass die Drohnendichte im Sektor mittlerweile so hoch ist, dass kein Fahrzeug mehr durchkommt, ohne dass es von einer Drohne angegriffen wird. „Die Statistik geht im Moment so in den Bereich 100 bis 150 Drohnen pro Tag, die auf beiden Seiten eingesetzt werden. Drohnen sind wirklich ein Verschleißmittel“, erklärt Keupp.
Sollte dies tatsächlich zutreffen, sieht Keupp die russische Armee vor großen logistischen Herausforderungen. „Das heißt, sie kommen mit ihrer bisherigen Ansatz nicht mehr durch: Die Abnutzung, die laufend weiter geht, wird nicht mehr durch Geländegewinne oder andere Gewinne kompensiert“, erklärt der Experte. Dieses Szenario setze die russische Kampfführung unter Druck. „Das ist Putin auch bewusst. Er weiß, er hat jetzt ein Zeitfenster, bei dem er diese weitgehend Russland-inkompetente amerikanische Administration zu irgendwelchen Zugeständnissen verleiten kann. Doch wenn Trump merkt, Russland hat gar nichts in der Hand, könnte das auch gegen ihn losgehen“, erklärt Keupp.
Russische Diplomaten berichten anonym, dass man im Kreml nun abseits von der Front ein anderes Ziel verfolge, da Russland militärisch keine großen Fortschritte erziele, schreibt der Kölner Stadtanzeiger, der sich auf die „Moscow Times“ beruft. Der Fokus liege mittlerweile darauf, im Rahmen der Verhandlungen zu einem möglichen Waffenstillstand mit den USA den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus dem Amt zu drängen, erklärten fünf Quellen aus russischen Regierungskreisen.
Geschehen soll dies unter anderem dadurch, dass die Ukraine und Selenskyj – unter anderem mit Fake News – bei den Amerikanern in Verruf gebracht werden. Der Kreml will damit den Weg für eine neue Regierung in Kiew ebnen, die bereit ist, die vier von Moskau beanspruchten Oblaste in der Ukraine und die Schwarzmeerhalbinsel Krim abzutreten.
Putin befinde sich in einem Dilemma, in das er sich selbst hinein manövriert habe, sagen die Kreml-Insider: Da der Kreml die ukrainische Regierung stets als „Nazi-Regime“ bezeichnet habe, kann Putin nun nicht in Verhandlungen mit den vermeintlichen „Nazis“ treten. Außerdem hege Putin gegen eine persönliche Abneigung gegen den Präsidenten der Ukraine, da er den Kreml-Despoten öffentlich herausgefordert habe.
Dass Selenskyj einem Gebietsabtritt zustimmt, gilt unterdessen als extrem unwahrscheinlich. Gleichzeitig will und kann auch Putin von seinem aggressiven Kurs gar nicht mehr abrücken.
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