WOBI-Eurac-Studie in der Wohnanlage „Casette Inglesi“

Das Klima ändert sich, das Zuhause passt sich an

Donnerstag, 03. April 2025 | 16:48 Uhr

Von: mk

Bozen – Die “tropischen Nächte” in Bozen, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sinkt, haben sich von nur 2°C im Jahr 1961 auf ganze 25°C im Jahr 2015 erhöht – eine alarmierende Zahl, die zeigt, dass der Klimawandel bereits konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben der Südtiroler Bevölkerung hat. Diese und weitere bedeutende Daten gehen aus der Studie hervor, die Eurac Research in Zusammenarbeit mit dem WOBI in der Bozner Wohnanlage „Casette Inglesi“, der ehemaligen „Semirurali“, durchgeführt hat. Die Ergebnisse wurden am 2. April am WOBI-Sitz in der Mailandstraße in Bozen vorgestellt.

Die Studie ist Teil des größeren Projekts RETURN – finanziert von der Europäischen Union im Rahmen des PNRR zur Analyse der Auswirkungen natürlicher Gefahren in Italien, darunter Überschwemmungen, Erdbeben, Dürren und Hitzewellen. Im Rahmen der Studie wurden die Bewohner der „Casette Inglesi“ aktiv einbezogen, um die Auswirkungen von Hitzewellen auf ihre Lebensqualität zu untersuchen und wirksame Lösungen zur Minderung der Effekte zu identifizieren.

„Dieses Projekt ist ein vorbildliches Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen, öffentlichen Institutionen und Bürgern“, erklärt Wilhelm Palfrader, Generaldirektor des WOBI. „Die gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen es uns, gezielte Maßnahmen zu planen, um den Wohnkomfort zu verbessern und die Widerstandsfähigkeit unserer Gebäude gegenüber der Klimakrise zu stärken.“

Methodik und Forschungsphasen

Die Zusammenarbeit begann im Januar 2024 mit einer Informationsveranstaltung am WOBI-Sitz, gefolgt von der Verteilung eines anonymen Fragebogens, der im Mai desselben Jahres Informationen zu den Wohnbedingungen und den Strategien der Bewohner während extremer Hitzeperioden sammelte. Im Sommer 2024 installierten die Forscher in einigen Wohnungen Überwachungsgeräte, die wichtige Parameter wie Innentemperatur, relative Luftfeuchtigkeit, Kohlendioxidkonzentration sowie in einigen Fällen Feinstaubwerte (PM2.5 und PM10) und flüchtige organische Verbindungen erfassten. Parallel dazu wurden ausführliche Interviews mit den Bewohnern geführt, um ihre Erfahrungen und Bedenken zu dokumentieren.

Hauptergebnisse

Die Analyse der während des Sommers 2024 gesammelten Daten zeichnet ein klares Bild der Wohnbedingungen in den „Casette Inglesi“ während extremer Hitzeperioden. Die Überwachungsgeräte erfassten durchschnittliche Innentemperaturen von 28,5°C, mit Spitzenwerten von bis zu 31,3°C – deutlich über der thermischen Komfortgrenze. Die relative Luftfeuchtigkeit, ein weiterer entscheidender Faktor für das Wohlbefinden, stieg auf bis zu 70 Prozent, was potenziell unangenehme Bedingungen für die Bewohner schafft.

Besonders aufschlussreich waren die Daten zur Luftqualität: die Kohlendioxidkonzentrationen erreichten in einigen Wohnungen zeitweise bis zu 2.700 ppm, insbesonders in der Nacht, wenn die Fenster geschlossen blieben. Die Feinstaubwerte lagen im Durchschnitt bei 5,3 Mikrogramm pro Kubikmeter. Obwohl diese Werte innerhalb der Sicherheitsgrenzen liegen, weisen sie dennoch auf eine potenzielle Belastung für die Bewohner hin.

Die Untersuchung des Verhaltens der Bewohner zeigte, dass sie wirksame Anpassungsstrategien entwickelt haben: Die Praxis, Fenster während der heißesten Tagesstunden geschlossen zu halten und sie erst nachts zu öffnen, hatte nachweislich positive Auswirkungen auf die Innentemperatur und die Luftqualität. Dies zeigt, dass bereits einfache tägliche Maßnahmen helfen können, die Auswirkungen von Hitzewellen zu mildern.

Risikowahrnehmung und notwendige Maßnahmen

Die Interviews ergaben ein weit verbreitetes, aber unterschiedliches Bewusstsein für die mit Hitzewellen verbundenen Risiken. Viele Bewohner, insbesondere ältere Menschen, äußerten Besorgnis über mögliche gesundheitliche Auswirkungen, darunter Atembeschwerden, Schlafstörungen und eine reduzierte soziale Mobilität, da sie während der heißesten Stunden des Tages in ihren Wohnungen bleiben müssen.

Es bestand ein breiter Konsens über die Notwendigkeit struktureller Verbesserungen an den Gebäuden, insbesondere:

• Ersetzung der bestehenden Fenster durch energieeffizientere Modelle
• Fassadensanierung mit angemessener Dämmung
• Installation von außenliegenden Verschattungssystemen
• Verbesserung der Glasbedeckungen, die zur Überhitzung neigen
• Erhöhung der Pflege der gemeinschaftlichen Grünflächen, die als essenziell für kühlere Mikroklimata und die Förderung sozialer Interaktionen angesehen werden

Zukünftige Perspektiven

„Die gesammelten Daten sind eine wertvolle Grundlage für die Planung gezielter Maßnahmen“, betont Lukas Zanotti, der das Projekt fürs WOBI begleitet hat. „Die Sommer in Bozen werden in den kommenden Jahrzehnten immer heißer. Daher ist es unerlässlich, Lösungen zu entwickeln, die strukturelle Anpassungen der Gebäude mit Verhaltensänderungen kombinieren.“

„Das WOBI wird die Studienergebnisse nutzen, um die zukünftigen Sanierungsarbeiten im Wohnkomplex „Casette Inglesi“ zu gestalten und dabei Energieeffizienz und Klimaanpassung zu verbinden“, kündigt Francesca Tosolini, Präsidentin des Instituts für den Sozialen Wohnbau der Provinz Bozen, an. „Die heutige Präsentation der Ergebnisse stellt nicht nur den Abschluss dieser Forschungsphase dar, sondern auch den Auftakt zu einem fortlaufenden Austausch mit den Bewohnern, um Ideen und Vorschläge für zukünftige Maßnahmen zu sammeln.“

Bezirk: Bozen

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