Von: luk
Bozen – Schafft es Südtirol, bis 2040 klimaneutral zu werden? Ja, sagen 62 Prozent der im Rahmen des AFI-Barometers befragten Arbeitnehmer und sind dafür auch durchaus bereit, ihren Konsum- und Lebensstil anzupassen. Das allerdings nur mit genauem Blick auf das ‚sensibelste Organ des Menschen‘ – die Brieftasche. In Analogie zu Deutschland wird nämlich gerade bei der angestrebten ‚Heizungswende‘ ein Kernproblem deutlich. „Sie scheint den einkommensschwächeren Teil der Gesellschaft finanziell zu überfordern, weil die notwendigen Ersparnisse einfach nicht vorhanden sind“, sagt AFI-Präsident Andreas Dorigoni. „Der Appell geht an die Politik, diese Situation nicht auszuklammern.“
Vor rund zwei Wochen haben mehr als 30 Verbände und Vereine in einer Petition ein verbindliches Klimagesetz für Südtirol gefordert – „damit der Klimaplan nicht der Papiertiger bleibt, der er im Moment ist“, heißt es von Seiten der Promotoren. Doch kann Südtirol bis 2040 die Klimaneutralität schaffen? Mit dieser Frage wurden 500 Südtiroler Arbeitnehmer im Sonderteil der Frühjahrsausgabe des AFI-Barometers konfrontiert.
„Yes, we can“
Die deutliche Mehrheit der befragten Arbeitnehmenden (62 Prozent) ist davon überzeugt, dass Südtirol die klimaschädlichen CO2-Emissionen in 15 Jahren eliminieren kann. Diese Zuversicht ist in der italienischen Sprachgruppe und allgemein bei den männlichen Befragten etwas geringer ausgeprägt. Naturgemäß sehen Arbeitnehmende, die ‚leicht‘ oder ‚sehr leicht‘ mit dem Einkommen über die Runden kommen, die Klimaneutralität eher für erreichbar an (68 Prozent). Doch selbst bei den Arbeitnehmenden, die schwer mit dem Lohn über die Runden kommen, zeigen sich 64 Prozent überzeugt, dass dies gelingen kann. Skeptischer ist hingegen die Jugend: Nur etwa die Hälfte der jüngeren Arbeitnehmerschaft (bis 30) denkt, diese Herausforderung sei zu schaffen. In der Kategorie 50+ sind es dagegen mehr als zwei Drittel.
Klimaschutz hat hohe Relevanz
Auf einer Skala zwischen null (völlig unbedeutend) und zehn (absolut relevant) stufen 61 Prozent der Befragten den Klimaschutz als sehr relevant ein (Summe der Anteile mit Bewertung zwischen acht und zehn), wobei die Bezieher höherer Einkommen dem Klimaschutz tendenziell eine höhere Bedeutung beimessen. Auch für die jüngeren und die weiblichen Arbeitnehmenden hat der Klimaschutz überdurchschnittlich hohe Relevanz.
Handlungsfeld Mobilität
Transport und Verkehr sind für 44 Prozent der lokalen CO2-Emissionen verantwortlich. Gerade in der eigenen Alltagsmobilität können theoretisch alle ansetzen, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Welche Möglichkeiten ziehen die Arbeitnehmenden vor?
Die Bereitschaft zum Umstieg auf Bahn und Bus hängt aus der Sicht der Arbeitnehmenden stark vom Angebot ab. Wenn Tarife, Frequenzen, Anbindung des Wohnorts an den ÖPNV passen – so antworten immerhin 67 Prozent der Befragten – ist die Bereitschaft zum Umstieg hoch. Allerdings kann die Hälfte der Betroffenen den eigenen Arbeitsplatz zurzeit nicht mit dem ÖPNV erreichen, weil dies zu lange dauern würde.
Den Kauf eines E-Autos zieht ebenfalls eine Mehrheit in Betracht, wobei die heutigen Kosten solcher Fahrzeuge und die noch zu wenigen Ladesäulen viele abschrecken. Wären die Preise für E-Autos deutlich niedriger und die Lademöglichkeiten zahlreicher, wären immerhin 64 Prozent, bzw. 57 Prozent, der Arbeitnehmenden bereit, auf ein voll batteriebetriebenes Auto umsteigen.
Entscheidend für das Mobilitätsverhalten ist am Ende dann doch wieder der Kostenfaktor. Erst wenn die Preise für Benzin und Diesel auf das Doppelte des heutigen Preises steigen würden, würden sich 41 Prozent für den Umstieg entscheiden. Nur wenn man mit dem ÖPNV gleich schnell und kostengünstiger ans Ziel kommt, sagen 62 Prozent, würde man auf Bahn und Bus umsteigen. Bei den Niedrigverdienenden teilen 70 Prozent diese Einstellungen, mit anderen Worten: Solange die Nutzung des eigenen alten, fossil betriebenen Autos billiger ist, wird man eher dabei bleiben.
Handlungsfeld Gebäudeheizung
Das Heizen verursacht in Südtirol immerhin 17 Prozent der CO2-Emissionen. Unter welchen Bedingungen würden Arbeitnehmerhaushalte auf fossilfreie Heizungen umrüsten?
Immerhin 48 Prozent der Befragten geben an, bereits heute klimaneutral (Holz, Pellets, Wärmepumpe, Fernwärme) zu heizen, weshalb sie keinen weiteren Handlungsbedarf sehen. Das Problem wird jedenfalls von der großen Mehrheit der Befragten erkannt., denn nur mehr 30 Prozent sehen in der Öl- und Gasheizung kein Problem, ganz unabhängig von der Einkommenskategorie.
Die Kosten der Umrüstung spielen eine wesentliche Rolle. 51 Prozent der Befragten sagen: Erst wenn die Anschaffungskosten für eine Wärmepumpe und die Stromkosten für ihre Benutzung sinken, wird man sich diese überhaupt leisten können. Für knapp 60 Prozent kommt sie nur infrage, wenn das Land die Heizungsumrüstung stärker fördert. Ein Drittel der Befragten will überhaupt erst umrüsten, wenn fossil betriebene Heizungen verboten würden. Bei den Niedrigverdienenden steigen diese Werte auf 59 Prozent, 64 Prozent bzw. 40 Prozent. 51 Prozent der Personen mit niedrigem Einkommen wohnt zudem im Altbaubestand, womit ein Kernproblem bei der angestrebten ‚Heizungswende‘ deutlich wird. Um diesen einkommensschwächeren Teil der Gesellschaft zu unterstützen, der von der ‚Energiewende‘ finanziell überfordert wird, ist eine Unterstützung durch die öffentliche Hand unerlässlich.
Schließlich erfreut sich die Bildung von Energiegemeinschaften in Kondominien mit 70 Prozent an Zustimmung großer Beliebtheit: Hier sollten gemeinsame Photovoltaikanlagen auf den Dächern installieret und damit Wärmepumpen betrieben werden.
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