Von: luk
Bozen – Europas Wohlfahrtsstaaten stehen angesichts aktueller Krisen vor großen Herausforderungen: Investieren sie ausreichend in die Zukunft – oder nur in die Vergangenheit? Im Durchschnitt geben die Länder 29,9 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für den Sozialschutz aus, aber es zeigen sich starke Unterschiede bei der Prioritätensetzung. Überdies machen hohe Sozialausgaben allein noch keinen guten Sozialstaat aus. Italien steht hierfür beispielshaft: Mit 31,8 Prozent des BIP liegen die Ausgaben zwar über dem EU-Durchschnitt, aber Italien investiert weiterhin kräftig in den Bereich „Alter“ (14,6 Prozent des BIP bzw. 47,4 Prozent des Welfare-Budgets). Investitionen für Familien und Kinder kommen hingegen eher kurz: Nur 1,2 Prozent des italienischen BIP fließt in diesen Bereich – vorletzter Platz im EU-Ranking.
Das AFI | Arbeitsförderungsinstitut hat heute (27. Februar 2025) die Ergebnisse seiner jüngsten Studie „Wohlfahrtstaats-Modelle und Sozialausgaben in Europa“ vorgestellt – die Neuauflage und Erweiterung einer im Jahr 2014 erstmals veröffentlichten Studie. Die Landesrätin für sozialen Zusammenhalt Rosmarie Pamer unterstrich auf der Pressekonferenz die bedeutende Rolle der Forschung für die Südtiroler Sozialpolitik.
Die AFI-Studie liefert einen Überblick der europäischen Wohlfahrtsstaats-Modelle und untersucht, wie sich die Sozialausgaben in den letzten zehn Jahren verändert haben. Besonders auffällig sind dabei tiefgreifende Unterschiede in der Verteilung der Mittel. Diese Unterschiede werden in den größeren Rahmen des „europäischen Sozialstaates“ eingeordnet, der als Garant für soziale Sicherheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gilt. Die Analyse zeigt auf, wo dringender Handlungsbedarf besteht – eine Sammlung von Good Practices bietet Denkanstöße für die zukünftige Gestaltung der Südtiroler Wohlfahrt.
Sozialausgaben unter der Lupe: Wer investiert wo?
Global betrachtet geben die Staaten der EU 27 am meisten für die Absicherung von Risiken im Alter aus (39,8 Prozent des Welfare-Budgets). Insbesondere Italiens Wohlfahrt ist stark von Rentenleistungen geprägt – sie machen sogar fast die Hälfte der gesamten Sozialausgaben aus (47,4 Prozent). Schlecht schneidet Italien hingegen im europäischen Vergleich bezüglich der Leistungen für Familien und Kinder ab. „Trotz des Geburtenrückgangs und der stark alternden Bevölkerung, verfolgt Italien hier mit nur 1,2 Prozent des BIP weiterhin einen Sparkurs und liegt damit weit hinten im europäischen Vergleich“, kritisiert AFI-Forscherin Aline Lupa. Dass diese Ausgaben auch in den anderen mediterranen EU-Ländern gering ausfallen, verdeutlicht das dort immer noch vorherrschende Konzept der Familie als zentrale Instanz zur Gewährleistung sozialer Sicherheit.
Krisenfester Wohlfahrtsstaat? Herausforderungen in Zeiten wachsender Unsicherheit
Wie AFI-Direktor Stefan Perini betont, „muss der Wohlfahrtsstaat insbesondere in einer Zeit, die mehr und mehr von sozioökonomischen Veränderungen sowie sich daraus ergebenen sozialen Ungleichheiten und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt ist, eine zentrale Stütze moderner Gesellschaften bleiben.“ Herausforderungen wie der demografische Wandel, aber auch neue Lebens-, Arbeits- und Wohnmodelle rücken die Resilienz von Wohlfahrtssystemen ins Licht und werfen die Frage nach einer notgedrungenen Reform des Wohlfahrtsstaates auf. In Italien, wo immer noch ein familistisches System vorherrscht, in dem die Familie die zentrale Instanz für die Gewährleistung sozialer Sicherheit ist, steht die Zukunftsfähigkeit des Wohlfahrtsstaats durch die zunehmend alternde Bevölkerung umso mehr auf dem Spiel.
Lernen von den Besten: Erfolgreiche Sozialprojekte aus Europa
Welche Länder machen es besser – und was kann Südtirol daraus lernen? Die AFI-Studie liefert auch diesbezüglich einige Impulse, indem sie erfolgreiche Sozialprojekte aus Europa vorstellt. Diese Good Practices reichen von innovativen Wohnbauprogrammen in der Schweiz bis zur gleichberechtigten Elternzeit in Schweden. Dazu AFI-Präsident Andreas Dorigoni: „Ziel ist es, Südtirols Entscheidungstragenden konkrete Denkanstöße für eine zukunftsfähige Sozialpolitik zu geben – mit dem Blick über die Grenzen hinaus und der Bereitschaft, Bewährtes zu adaptieren.“
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