Dieter Mayr plädiert für kontinuierlich Erneuerung der Kollektivverträge

“Mindestlohn ist kein Allheilmittel für die Lohnmisere in Italien”

Montag, 03. Juli 2023 | 16:45 Uhr

Von: luk

Rom – In Italien fordert die Opposition die Einführung eines Mindestlohns, der neun Euro betragen soll. Momentan gibt es keinen Mindestlohn. Für PD-Chefin Elly Schlein wäre das ein wichtiger Schritt gegen die Ausbeutung von Arbeit.

Bei der Regierung stößt der Vorschlag auf Widerstand und auch die Gewerkschaften sind sich nicht einig. Der SGBCISL spricht sich etwa gegen den per Gesetz festgelegten Mindestlohn aus. Das könne das System zur Verhandlung der Löhne stören. Insgesamt würden die Löhne dadurch nach unten gehen.

Das sieht auch Dieter Mayr so: Der ehemalige Generalsekretär des SGBCISL und ehemaliger AFI-Präsident ist Experte in Arbeits- und Gewerkschaftsbeziehungen und war viele Jahre in der arbeitsrechtlichen Beratung im SGBCISL tätig.

Er stellt die Frage, ob es wirklich einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn brauche. Vielmehr müsste dafür gesorgt werden, dass Kollektivverträge endlich kontinuierlich erneuert werden und über diese ein angemessener Lohn vereinbart wird, der über die vorgeschlagenen neun Euro hinausgeht. “In Italien und damit auch in Südtirol wird die Erneuerung der Kollektivverträge systematisch verschleppt. Das ist der Hauptgrund, wieso die Löhne sich nicht weiterentwickeln”, so Mayr.

“Das heißt dann auch, dass ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn nicht das Allheilmittel für die Lohnmisere in Italien und damit auch in Südtirol sein kann. Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass mindestens alle zwei Jahre Lohnverhandlungen geführt werden und diese auch nach einer angemessenen Zeit, etwa innerhalb eines Monats, abgeschlossen werden”, so Mayr.

“Das würde viel mehr bringen, als einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn einzuführen, denn ein Kollektivvertrag ist viel mehr, als nur Lohnverhandlung: Dort werden Ferien, Krankheitsregelungen, Freistunden, Prämienzahlungen, Recht auf Weiterbildung, Bezahlung von Überstunden und vieles mehr verhandelt und geregelt. Angemessener Lohn und gute geregelte Arbeitsbedingungen machen also einen guten Arbeitsplatz aus. Umgemünzt auf Südtirol müssen also die Löhne und die anderen Arbeitsbedingungen in sogenannten Landeszusatzverträge vereinbart werden, um diese Ziele zu erreichen. Wir hören es ja fast jeden Tag: Die Fachkräfte wandern ab und nennen als Hauptgrund die schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen in Südtirol”, erklärt Mayr weiter.

 

Bezirk: Bozen