Von: apa
Die neuen von den USA verhängten Importzölle dürften den Wirtschaftsabschwung in Österreich heuer weiter vertiefen. Davon gehen die Wirtschaftsforscher von Wifo und IHS aus. Sie schätzen, dass die Wirtschaftswachstumsrate für 2025 durch die Zölle um 0,35 bzw. 0,2 Prozentpunkte geringer ausfällt. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) spricht sich unterdessen für ein starkes und selbstbewusstes Auftreten der EU aus.
Man sei “seit Wochen auf dieses Szenario vorbereitet”, hieß es in einem Statement aus dem Bundeskanzleramt. Zugleich sei man um eine Verhandlungslösung bemüht. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) und der Präsident der Industriellen Vereinigung (IV), Georg Knill, forderten nach einem Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern der heimischen Exportwirtschaft ebenso ein selbstbewusstes gemeinsames Vorgehen der EU und gegebenenfalls auch Großbritanniens. “Europa muss geschlossen reagieren”, sagte auch Markus Beyrer, Chef des europäischen Industrie- und Arbeitgeberverbands BusinessEurope, in der ZiB2. Es brauche klare Antworten ohne zu eskalieren. Europa müsse sich auch um andere Handelspartner wie Indien umsehen und das Mercosur-Abkommen abschließen. “Nur die andere Backe hinzuhalten, wird nicht reichen”, merkte Beyrer an.
Für eine Verhandlungslösung ist auch Jakob Schwarz, industriepolitischer Sprecher der Grünen. “Wenn eine solche Lösung mit den USA nicht erzielt werden kann, muss die Reaktion so ausfallen, dass sie die amerikanische Wirtschaft dort trifft, wo am meisten Druck auf Donald Trumps Umfeld ausgeübt wird: Bei den Big-Tech-Firmen”.
Wifo sieht USA auf Weg zu Inflationshoch
Beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo rechnet man in einer ersten Einschätzung, dass Österreich mit etwa 0,35 Prozentpunkten betroffen wäre, käme es zu keinen Gegenmaßnahmen, sagte Wifo-Ökonom Harald Oberhofer vor Journalistinnen und Journalisten im IV-Gebäude. Die Exporte könnten um 1,4 Prozent sinken. Hinter diesen Wifo-Berechnungen stecken allerdings Unsicherheiten. Die USA selbst dürften eine Umsetzung zwei Prozentpunkte Wachstum kosten. Die USA würden sich aber wohl in Richtung eines Inflationshochs bewegen. Zudem drohe der größten Volkswirtschaft der Erde heuer ein Exporteinbruch von fast einem Viertel (24 Prozent).
Anders als in den USA dürfte sich der anbahnende Handelskrieg in Europa vorrangig am Arbeitsmarkt bemerkbar machen und könnte kurzfristig auch zu Preisrückgängen führen, sagte auch Wifo-Chef Gabriel Felbermayr im Ö1-“Mittagsjournal”. Führt die EU Gegenzölle ein, könnten aber auch hier die Preise steigen. Für mögliche Gegenmaßnahmen der Europäer würden sich die US-amerikanischen Digitalkonzerne anbieten. Brüssel sei aber gut beraten, maßvoll zu reagieren, sagte Felbermayr im Interview mit dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”. Die USA wolle mehr Halbleiter produzieren – und brauche dafür die Maschinen von ASML in den Niederlanden, führte deR wifo-Chef an. Hier könnte die EU mit Exportsteuern drohen, merkte Felbermayr an.
IHS: Auch Abkühlung der Weltwirtschaft trifft Österreich
Laut einer ersten vorläufigen Schätzung des Instituts für Höhere Studien (IHS) würde das Wirtschaftswachstum dann hierzulande 2025 und 2026 um rund 0,2 Prozentpunkte verringert. Damit würde sich der erwartete Rückgang des heimischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) heuer laut vorläufiger IHS-Modellrechnung auf 0,4 Prozent belaufen.
Nicht nur die US-Zölle, sondern auch die Abkühlung der Weltwirtschaft treffe Österreich, sagte der IHS-Außenhandelsökonom Klaus Weyerstrass zur APA. Der Weltwährungsfonds prognostizierte im Jänner noch ein Wachstum der Weltwirtschaft 2025 von 3,3 Prozent. Weyerstrass erwartet durch die US-Zölle heuer um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte geringeres Weltwirtschaftswachstum und 2026 um 0,5 Prozentpunkte weniger Wachstum weltweit.
Mögliche Warenschwemme aus Asien wegen US-Zollpaket
In Europa erwartet der IHS-Außenhandelsökonom “kaum” einen Effekt auf die Inflationsrate. Einen weiteren negativen wirtschaftlichen Impact für Europa werde es aber durch die Umleitung von Warenströmen durch die US-Zollpolitik geben, etwa eine zusätzliche Warenschwemme aus Asien. Für die USA rechnet Weyerstrass mit einer höheren Inflationsrate und einem geringeren Wirtschaftswachstum durch weniger Konsum und verunsicherte Konsumenten.
Auch aus Sicht des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) wird die Verschärfung der US-Zollpolitik Österreichs Wirtschaftslage weiter verschlechtern. “Das ist inmitten des Negativwachstums ein weiterer Schlag für die Wirtschaft”, so der wiiw-Handelsökonom Robert Stehrer im Gespräch mit der APA. Derzeit machen die EU-Ausfuhren in die USA laut Stehrer rund 7 Prozent der europäischen Gesamtexporte aus.
Handelsverband fordert Schutz vor chinesischen Produkten
Der mögliche Umlenkungseffekt, bei dem chinesische Waren verstärkt auf dem europäischen Markt verkauft werden, rief auch den heimischen Handelsverband auf den Plan. “Während alle über neue Zölle reden, sollten wir endlich jene Zollfreigrenzen (in Höhe von 150 Euro; Anm.), die in unserer eigenen Hand liegen, auf null senken, um uns zu schützen”, fordert Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, in einer Aussendung. Zudem brauche es eine “Null-Toleranz-Politik” bei Produktfälschungen.
Negative Auswirkungen aus seine Branche erwartet auch Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger. “Daher fordern wir die EU-Kommission dringend auf, Gespräche mit der US-Regierung zu suchen, um gemeinsame Lösungen zu finden und eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern.” Gelinge dies nicht, müsse Europa “seine Wirtschaft gezielt zu schützen”.
Autozulieferer besorgt
Die Vertreter der Autozulieferer in der Wirtschaftskammer (WKÖ) fordern eine rasche, aber überlegte Reaktion auf die US-Zollpolitik. “Die USA sind nach Deutschland der wichtigste Exportmarkt”, sagte Hansjörg Tutner von der WKÖ-Fahrzeugindustrie in einer Aussendung. “Angesichts der zusätzlichen US-Zölle wird es für Verhandlungen auf Augenhöhe notwendig sein, gegenüber der US-Regierung Stärke zu zeigen”, so Tutner. “Bei all dem sollte das übergeordnete Ziel die Abschaffung der gegenseitigen Zölle sein”
Beim österreichischen Leiterplattenhersteller AT&S sieht man die eigenen Leiterplatten und IC-Substrate derzeit nicht unmittelbar von den US-Zöllen betroffen. “Wir sehen auch keine Signale, dass sie in den Fokus geraten könnten”, erklärte das Unternehmen auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Als Zulieferer sei AT&S jedoch indirekt betroffen: Würde ein europäisches Auto mit den Leiterplatten des Unternehmens in den USA mit einem Zollsatz von 25 Prozent belegt, könnte dies die Nachfrage nach diesen Autos und damit auch nach den Leiterplatten senken.
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